Wir müssen neues Ponal bestellen

Auf meiner Festplatte finden sich viele Fragmente, meistens Anfänge von Texten, die nicht weiter verfolgt wurden. Denn an Tagen, an denen ich nur mühsam schreiben kann, geschieht es, dass ein Impuls zu erzählen einfach versiegt. Meist war er nicht stark genug gewesen, und ich hatte gehofft, mich würde nach wenigen Sätzen die Muse küssen, getreu dem Motto, das Dali oder Picasso zugeschrieben wird: „Die Inspiration trifft mich bei der Arbeit an.“ Aber manchmal kommt die Inspiration und regt einen ganz anderen Text an, weshalb ich das Fragment zur Seite lege, also speichere. Manches ist auch in anderen Kontexten etwas geworden. Nachfolgend einige Beispiele:

Ich kenne einen, der hat schon mal Kundschaft bei Matratzen-Concorde gesehen, was mir noch nie widerfuhr. Wann immer ich dort vorbeigehe, sehe ich entweder gar kein menschliches Wesen oder aber eines als Verkaufsperson getarnt beim Telefonieren. Die Tür steht meistens auf wie ein heischendes Maul, aber ich habe extreme Schwellenangst.
Wenn Vater in der fünften Etage leben würde, wie oft würde ich ihn besuchen?, fragte sich Johannes. Seit er sich das Bein gebrochen hatte, das nur langsam heilte, seitdem waren ihm Treppen ein Gräuel. „Wie kann man auch so unbequem wohnen, Vater?“, hatte er letztens gesagt, als sein Vater sich beklagt hatte: „Wir leben in einem Haus, aber sehen uns seltener als früher.“
Ich will nichts Schlechtes über Dachse sagen. Aber ich weiß, dass sie kampfeslustig sind und große Tatzen mit scharfen Krallen haben. Indem ich mit dem Kopf in einem Dachsbau stecke, der den nach hinten sich verengenden Gang wie ein Korken verschließt, schneide ich dem Dachsbau die Luftzufuhr ab, worauf jeder Dachs mit Recht besorgt reagieren darf. Er kommt aus der Tiefe seines Wohnkessels nach oben, um festzustellen, dass ein Eingang zu seinem Bau verstopft ist, verkorkt durch einen Kopf. Bevor er dem Kopf mit den Krallen einen Scheitel zieht, beschnuppert er ihn. Ah! Er riecht nach Duschgel
In der Fußzeile des Programms OpenOffice Writer steht „Deutsch (Deutschland)“. Warum? Vermutlich ist die erste Angabe ein Hinweis auf die voreingestellte Sprache für die Autokorrektur, damit nicht jedes gute deutsche Wort Rot unterkringelt wird wie etwa das Wort „anpatzen“, das ich in einem Artikel über die Kanzler-Kurz-Affäre im österreichischen Falter las. Unter der Option [Extras] lässt sich bei [Rechtschreibung und Grammatik] „Deutsch (Österreich) oder Deutsch (Schweiz) einstellen. Freilich fehlen Deutsch (Italien), Deutsch (Belgien), Deutsch (Rumänien).
Cousin Willi ist Starkstromelektriker, einer von denen, die auf den Hochspannungsmasten herumturnen. Willi ist kaum der Sprache mächtig, spricht einen Kode, den die Sprachwissenschaft „restringiert“ nennt. „Früher war ich ja nur im Nordbezirk unterwegs. Doch in letzter Zeit bin ich oft im Südbezirk“, hatte Cousin Willi ihm letztens noch erzählt, ohne daran zu denken, dass ein Außenstehender mit Nord- und Südbezirk nichts anfangen kann.
Runder Diener-Rücken.
Die Fenster des Busses sind mit einem von innen fast transparenten Werbeposter beklebt, so dass sich das schöne Gesicht einer jungen Frau darin spiegelt. Sie telefoniert lächelnd und hat ihr Gesicht zum Fester gewandt, so dass es wirkt, als würde sie mit sich selbst telefonieren.
Im Schreibwarengeschäft frage ich nach Holzleim. Der Verkäufer geht in einen Nebenraum und kommt zurück mit einer Flasche Ponal. „Jetzt kann alles wieder gerichtet werden“, sagt er. Ich verschweige ihm, dass ich eine Schublade kleben muss, deren Inhalt aus Papierartefakten besteht, Als ich den Schreibwarenladen verlasse, höre ich den Vater zum Sohn sagen: „Wir müssen neues Ponal bestellen.“