Trommeln

Die Frau an meiner Seite sieht zu mir herüber und nimmt schmunzelnd meine Hand. Ich hatte gehofft, im dunklen Kino könnte ich ungesehen den Tränen freien Lauf lassen. Als ich ihr auf dem Nachhauseweg von meiner fast nicht zu kontrollierenden Rührseligkeit klage, meint sie: „Das ist doch unschädlich.“
Ist es das? Es belastet mich, vor allem, weil ich vermute, dass es schlimmer wird, genauer, dass die Schwelle der auslösenden Reize sinkt. Seit meinem Schlaganfall vor gut neun Jahren sinkt meine Impulskontrolle. Alles Unwillkürliche scheint zu erstarken und will sich ungefiltert Bahn brechen. Meine Tränen der Rührung sind dabei das Harmloseste.

Ich erinnere mich, wann mich zum ersten Mal die Rührung übermannte. Nach Jahrzehnten der Abwesenheit hatte ich zum Schützenfest mein Heimatdorf besucht. Ich stand mit vielen Dorfbewohnern am Straßenrand und wollte die Schützenparade sehen. Unter all den fremden Gesichtern hatte ich ein vertrautes entdeckt. Es gehörte Hilgers Juppi, dem Dachdecker des Dorfes. Wir waren in einem Schuljahr gewesen. Juppi war der Tradition gemäß ins Dachdeckergeschäft seines Vaters eingetreten. Schon sein Großvater war Dachdecker gewesen. Folglich hatte Juppi das Dorf nie verlassen.

Da zum Sprengel unserer Dorfkirche drei Dörfer gehören, ist der sonntägliche Schützenzug ziemlich lang. Drei Tambourcorps, gefolgt von je einer Musikkapelle stellten sich auf, um sich bei der Parade abzulösen. Sie marschieren mit klingendem Spiel heran, schwenken zum Signal des Tambourmajors auf Höhe der Tribüne zur Seite und bilden gegenüber den drei Schützenkönigspaaren ein Spalier. Die Musik mündet in den Parademarsch, den Tambourcorps und Musikkapelle gemeinsam spielen. Dazu marschieren die Schützenzüge ihres Dorfes im Stechschritt vorbei. Dieses anachronistische Schauspiel hatte Hilgers Juppi vermutlich schon zigmal gesehen und kommentierte demgemäß fachkundig. „Die Ansteler sind zu früh eingeschwenkt“ und „die Frixheimer haben es richtig gemacht.“ Kein Wunder, dachte ich, das Frixheimer Tambourcorps ist schon zu meiner Jugendzeit besonders zackig gewesen. Beim Einklang von Musik, Rhythmus und Gleichschritt überkam mich ein Weinkrampf. Ihn konnte ich gerade so unterdrücken. Aber die Tränen nicht. Sie flossen unkontrolliert über meine Wangen. Was war das nur?

Warum war ich so gerührt? In meiner frühen Jugend habe ich eine Weile im Tambourcorps getrommelt. Es war meine erste Erfahrung mitzuwirken, wo das Gesamte größer ist als die Summe seiner Teile. Obwohl die älteren Mitglieder uns junges Volk kaum beachteten, so lange wir richtig spielten, zumindest nicht störend herauszuhören waren, hatte ich das erhebende Gefühl, Teil dieses Ganzen zu sein. Wir taten etwas zusammen, ergänzten uns in der Musik, trommelten im selben Rhythmuns, trugen die gleiche Uniform und gingen im Gleichschritt. Später bei der Bundeswehr habe ich Uniform und Gleichschritt gehasst, denn ich erkannte darin das Missbräuchliche, aber zwischen Kindheit und Jugend war ich empfänglich für dieses Gefühl von totalem Einklang.

In unserer Zeit, die den Individualismus verehrt und zur Religion erhoben hat, will man allenfalls im Einklang mit der Natur leben. Nie hörte ich wen sagen, er wolle im Einklang mit den Menschen leben. Aber mir scheint da in mir, in uns allen etwas Atavistisches zu sein, das sich unter bestimmten Bedingungen Bahn bricht, der Wunsch sich zu vereinen in der uralten Echolalie. Sich im Einklang zu verlieren, heißt die Einsamkeit des eigenen Universums zu verlassen und auf einer höheren Ebene eins zu werden mit anderen. Wenn derlei nur angedeutet ist, in Zweierbeziehungen oder in Gruppen, packt mich die Rührseligkeit. Es rührt an meine Seele, und ich muss weinen.