Immerhin behalten wir die Zacken

Es ist noch dunkel, als wir zur Rückreise aufbrechen. Am Abend und die ganze Nacht über hat es gestürmt. Beim Abendbummel war der Wind über meine Stirn unter die Strickmütze gefahren und hatte sie abgestreift, auch jetzt, als wir mit Koffern an der Bushaltestelle stehen, bläst er noch heftig durch die Straße. Eine Frau im Mantel quert sie, um die Stufen zur matt beleuchteten Bäckerei hinauf zu steigen. „Gute Heimfahrt!“, ruft sie uns zu. An den letzten Tagen habe ich immer wieder Rückreisende mit Koffern an den Haltestellen gesehen und ein leises Gefühl des Triumphs verspürt, es ihnen noch nicht gleich tun zu müssen, habe aber nichts gesagt. Die Frau hat das Gefühl beispielhaft sublimiert.

Der Bus erscheint pünktlich, dreht auf dem Weg zum Hafen seine Runde durch den Ort und sammelt wie ein Lumpensammler Heimreisende mit Gepäck ein. In der Abfahrtshalle der Fähre versperrt eine Reihe von Drehkreuzen den Weg. Sie geben ihn frei, wenn man die Rückfahrkarte unter einen Scanner hält und auch nur dem, der die Kurtaxe auf den Fahrschein gebucht hat. Es soll sich keiner drum drücken, findet die Kurverwaltung. In der Halle ein Drehständer mit kostenlosen Ansichtskarten. „Wieder nicht daran gedacht, Ansichtskarten zu schreiben?“, steht dran. Gute Marketing-Idee der Kurverwaltung. Wir decken uns mit den verschiedenen Motiven ein. Es ist hübsch, auf der im Seegang sanft schaukelnden Fähre, Ansichtskarten zu schreiben. Zum neuen Jahr ist das Porto erhöht worden. Das zwingt zur Doppelfrankierung mit Postkartenmarken oder mit denen für Briefe.

Die neuen Marken haben seitlich einen QR-Code. Er macht das Tracking von Briefsendungen möglich. Der Kunde kann den Code scannen und den Weg der Post verfolgen. Ob eine Sendung eingetroffen ist, lässt sich allerdings nicht feststellen. Dafür ist noch immer das Einschreiben erforderlich. Der Nutzen für Postkunden ist eher gering. Der Code soll die Mehrfachnutzung einer versehentlich ungestempelten Marke verhindern. Was die Post sonst noch mit den anfallenden Daten macht, gibt sie nicht bekannt. Immerhin werden die Adressaten mit den Handydaten der Absender verknüpft, wodurch auf Dauer ein gigantisches Soziogramm entsteht. So dringen QR-Codes immer mehr in unser Leben ein und killen das Private.

Der in die Öffentlichkeit gezerrte Philatelist kann allerdings mit dem Code Information über das Markenmotiv abrufen. Bemerkung am Rande über Ränder: Einst waren die Marken auf Bögen gedruckt und mit einer Lochperforation getrennt. Beim Abreißen entstanden die typischen Briefmarkenzacken. Die selbstklebenden Marken sind durch einen Steg voneinander getrennt und einzeln perforiert. So behalten sie ihre Zacken, obwohl es technisch überflüssig ist, ein Zugeständnis an alte Formgewohnheiten.

Über unsere Rückreise mit der Bahn und eine weitere Begegnung mit QR-Codes ist schon hier berichtet.

6 Kommentare zu “Immerhin behalten wir die Zacken

  1. Die Skepsis ob der Wiederverwendung der gewonnen Daten ist mehr als berechtigt. Die österreichische Post hat diese an Parteien weiterverkauft und dafür 9,5 Millionen Euro Strafe aufgebrummt bekommen. Ein mildes Urteil, ging man doch ursprünglich von 18 Mio Busse aus.

    Gefällt 3 Personen

    • Danke für den passenden Hinweis. Wenn Daten erhoben werden, wächst die Begehrlichkeit, sie zu verkaufen. Bei der deutschen Post konnte man früher schon Adressen kaufen, sortiert nach Kaufkraftgruppe, also wird sie es wieder versuchen und hoffen, dass der deutsche Datenschutz die Sache verpennt.

      Gefällt 2 Personen

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