Aztec-Code schlägt Zauberformel

Ich habe eine dreiklassige Volksschule besucht, Lesen und schreiben gelernt in der Unterklasse beim verehrten Fräulein Lamboy, einiges mehr in der Mittelklasse beim kompetenten Herrn Egon Ruß, fast gar nichts in der Oberklasse bei Hauptlehrer Eugen Schmitz. Dieser grandiose Pädagoge sorgte sich darum, unseren Verstand in Grenzen zu halten und unsere zarten Gemüter nicht mit Wissen zu beschweren. Bei meiner Mutter klagte er einmal: „Der liest ja soviel!“, was in seinen Augen ein unerlaubter und von ihm nicht kontrollierbarer Weg der Informationsbeschaffung war. Nur einmal versagte er darin, uns Wissen vorzuenthalten, und zwar mit einem nach Spriritus duftenden Arbeitsblatt.

Die Lernmittel der Schule wurden im sogenannten Kartenraum aufbewahrt. Dort hingen an einem Wandhalter einige Reliefkarten. In einem Schrank stand ein Magnumflasche blaue Tinte von Geha, um die Tintenbehälter in den alten Schülerpulten aufzufüllen. Es gab auch einen Spirit-Karbon-Umdrucker für Matrizen, mit dem etwa 100 Arbeitsblätter abgezogen werden konnten, was für die drei Schuljahrgänge der Oberklasse reichen mochte. Der Umdrucker kam selten bis nie zum Einsatz. Der cholerische Hauptlehrer zerdrosch pro Schulhalbjahr einen Zeigestab auf uns, und die Neubeschaffung belastete den Etat derart, dass kein Geld für Matrizen, Spiritus und Papier übrig blieb.

Das einzige Arbeitsblatt meiner Volksschullaufbahn hat sich in mein Hirn eingebrannt. Es war darauf der Umriss Niedersachsens mit drei gen Norden strebenden Flüssen zu sehen, das Aller-Leine-Oker-Land. Wir mussten dieses Blatt beschriften und durften es mit unseren Buntstiften ausmalen. Warum Kinder im Rheinland ausgerechnet den Verlauf von Aller, Leine und Oker kennen sollten, weiß ich nicht. Aber ich habe in einigen beruflichen Karrieren punkten können, weil ich vom Aller-Leine-Oker-Land wusste. In Bewerbungsgesprächen musste ich nur „Aller-Leine-Okerland“ einflechten, schon fiel dem verblüfften Personaler die Kinnlade herunter, und ich hatte die Stelle.

Gestern nun bin ich erstmalig mit der Bahn durch das Aller-Leine-Oker-Land gefahren und muss sagen, das ist eine Erfahrung, die niemand sich versagen sollte, wenngleich die Landschaft namentlich im Januar etwas blass wirkt. Just das aber könnte damit zusammenhängen, dass Umdruckerpapier zu glatt für Buntstift ist. Wer trotzdem dort lang fährt, sollte aber einen gültigen Fahrschein haben, und sich nicht wie meine Reisegefährtin und ich bei der illegalen Benutzung einer Regionalbahn erwischen lassen. Wir hätten nämlich in Bremen in den ICE nach Hannover umsteigen sollen, saßen aber so gut im ansonsten leeren Waggon der Regionalbahn nach Hannover, dass wir beschlossen, uns den Stress des Umstiegs zu ersparen.

Wir wurden Opfer eines eifrigen Fahrkartenkontrolleurs, der wiederum Opfer des Aztec-Codes auf den Fahrscheinen war. Nachdem er nämlich den Code mit dem Lesegerät gescannt hatte, konnte er kein Auge zudrücken, sondern musste ausrechnen, welcher Schaden der Deutschen Bahn entstanden war, als wir versäumten, in den ICE umzusteigen.

Der arme Mann wirkte übereifrig und getrieben – wie eine Karikatur seiner selbst. Inzwischen verstehe ich, dass er in einer Zwangslage war. Er wollte uns nichts Übles, musste aber handeln, getrieben durch sein Code-Lesegerät. Es hätte seinen Vorgesetzten offenbart, wenn er untätig geblieben wäre. Deshalb war es gut, dass ich es gar nicht erst mit der Zauberformel „Aller-Leine-Okerland“ versucht hatte. Sie gehört sowieso einer anderen, versunkenen Welt an, ebenso wie das Fünf-gerade-sein-lassen. Wo alles digital kontrollierbar ist, bleibt menschliches Handeln auf der Strecke.

Frohes neues Jahr allerseits!

13 Kommentare zu “Aztec-Code schlägt Zauberformel

    • In der Situation habe ich das auch noch nicht gewusst, liebe Mitzi. Mein Sohn machte mich im Telefongespräch darauf aufmerksam. Die digitale Kontrolle wirkt sich eher schädlich auf das Zusammenleben aus. Daher ist es gut, wenn wenigstens jene ein Auge zudrücken, die es unbeschadet tun können, Es ist wirklich ein schönes Gefühl, wie du sagst.

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  1. Pingback: Immerhin behalten wir die Zacken

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