Immer Sitzen im Wartehäuschen

Aus Gründen bin ich in letzter Zeit öfter mit der Straßenbahn gefahren. Dabei habe ich wieder das Phänomen erlebt, dass die Straßenbahn immer dann heranrollt, wenn ich von meiner Straße auf die Straße mit dem Gleis einbiege. Kaum will ich die Straße an der Einmündung überqueren, rollt die Bahn heran. Manchmal narrt sie mich. Ich sehe auch in der Ferne noch keine Bahn, gehe ein Weile Richtung Haltestelle, und während ich hoffe, die Haltestelle beizeiten zu erreichen, da höre ich die Bahn hinterrücks herankommen, und schon überholt sie mich gleichgültig.

Nie gelingt es mir, nah genug an der Haltestelle zu sein, dass es sich lohnen würde, einige Meter zu eilen. Immer bleibe ich innerlich gedämpft zurück, verlangsame meinen Schritt und finde mich damit ab, auf die nächste Bahn warten zu müssen. Ich frage mich, wie das eigentlich zugehen kann, dass ich die Straßenbahnhaltestelle nie rechtzeitig erreiche. Das kann doch nur ein „schwerer Ausnahmefehler“ im kosmischen Betriebssystem sein. Könnte es sein, dass irgendein kosmischer Spieler die Bahn erst aufs Gleis setzt, wenn ich mich auf den Weg mache? Hantiert da einer herum, dessen erbärmliches Vergnügen es ist, in mir Frustration zu erzeugen? Zieht er diese negative Energie auf Flaschen und verhökert sie? Nach so vielen gleichartigen Erlebnissen, übe ich mich allerdings in Gleichmut. Die Ausbeute dürfte gering sein, denke ich, während ich frierend an Hannovers hässlichster Haltestelle hocke, denn es fängt auch noch an zu regnen.

Als Kind war ich fasziniert von einer Werbung, die auf jedem deutschen Bahnhof hing. Auf einem Emailleschild war mit wenigen Zeichenstrichen ein Bahnsteig dargestellt. Ein Zug rollte gerade aus dem Bahnhof. Im Vordergrund saß ein Mann auf seinem Koffer. Es war sein Zug, der da wegfuhr. Doch ihm tat nichts weh:

Von wegen „Schreck:“ Es macht dem Suffkopp rein gar nichts.

Angeblich sind Hannovers Haltestellen anlässlich der Expo 2000 neu gestaltet worden. Man könnte denken, die Designer waren ebenfalls besoffen oder bekifft. Doch wahrscheinlich haben sie die formale Vorgabe der ÜSTRA beachten müssen, dass das Wartehäuschen alles, aber nicht gegen Wind und Wetter schützen darf. Eine schützende Haltestelle könnte Obdachlose anregen, sich dort häuslich einzurichten, und dann hätten die Fahrgäste auch nichts vom Wartehäuschen. Man will einem armen Mann ja nicht die Bleibe streitig machen. Darum sind also Wartehäuschen so ärmlich und machen Warten zur unerquicklichen Angelegenheit.

Wir hocken noch immer in Wind und Regen und denken noch ein Weilchen an die kosmische Spielerei, die uns hier ins zugige Wartehäuschen verbannt hat. Wie erleben sich wohl die Straßenbahnfahrerinnen, wenn ihre Bahn just aufs Gleis gesetzt wird? Denken Sie dann: Huch, das bin ja ich und fahre zum Fasanenkrug? Den Depp da draußen nehme ich aber nicht mit. Der soll sich erst mal ins Wartehäuschen setzen.

10 Kommentare zu “Immer Sitzen im Wartehäuschen

  1. Lieber Jules, mir gefällt der Gedanke des schweren Ausnahmefehlers. Anders ist diese Phänomen nicht zu erklären. Die alte Werbung lässt mich schmunzeln. Die Gestaltung der Wartehäuschen nicht. Die sind eine Frechheit. Für wartende Fahrgäste, aber auch weil sie jenen die dort Schutz und einen Schlafplatz oder Windschutz suchen, auch diesen kleinen Raum verwehren. Erbärmlich.
    Liebe Grüße

    Gefällt 2 Personen

    • Liebe Mitzi, gerade in dieser Jahreszeit muss ich oft an jene denken, die keinen Schutz vor Nässe und Kälte finden. Ich bin sicher, dass die Wartehäuschen den nicht bieten sollen. Sind die in München ähnlich ungastlich? Dann wäre es ein unerfreuliches Prinzip.
      Lieben Gruß

      Gefällt 1 Person

      • In München wurden vor einigen Jahren neue Bänke in der U-Bahn und auch an den Haltestellen angebracht. Sie hat eine kleine Abgrenzungen, so dass man sich nicht mehr auf sie legen kann. Natürlich sind sie dafür auch nicht gemacht, aber ich hörte dass diese kleinen Metallbögen genau dafür da sind, dass sich Obdachlose eben nicht darauf legen können. Ob es stimmt weiß ich nicht, aber den Gedanken finde ich mehr als unschön. Die die dort liegen könnten sich weiß Gott auch schönere Plätze vorstellen und Ihnen diese letzte Möglichkeit zu nehmen…
        Liebe Grüße

        Gefällt 1 Person

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