Requiem für den Zählerableser

Vor einer Weile hat mich der Energieversorger angeschrieben mit einer Aufforderung: „Bitte lesen Sie Ihre Zähler ab“ Ein Aufforderungssatz schließt gewöhnlich mit einem Ausrufezeichen. Dass er im Brief des Energieversorgers fehlt, soll wohl verbindlicher wirken, weil es eigentlich ein unverschämtes Ansinnen ist, dass ich ohne Bezahlung meine Zeit und Arbeitskraft aufbringen soll, um festzustellen, wieviel Energie man mir geliefert hat. Als ich hier anfänglich wohnte, ist noch ein Ableser vorbeigekommen, um die Zählerstände zu notieren. Sicher gibt es bessere Berufe als Zählerstandsableser. Doch um bei mir den Gaszähler abzulesen, muss man sich verbiegen können.

Ich erinnere mich schwach, dass er klaglos in die enge Lücke zwischen Kühlschrank und Spüle gekrochen ist, um schnaufend zwar, den Zählerstand zu notieren. Seine Leistung weiß ich erst richtig zu würdigen, nachdem mich Enercity gezwungen hat, selbst unter die Spüle zu kriechen. Jetzt glaube ich, dass Zählerableser ein ehrsamer Beruf gewesen ist. Er kam mit Kunden in Kontakt und konnte beraten, trat in ihre Lebenswirklichkeit ein, konnte als Regulativ wirken, war also durch und durch ein sozialer Mensch. Dazu benötigte er psychologisches Gespür und – nicht zu vergessen – für Gaszähler wie meinen eine mehrjährige Ausbildung zum Schlangenmensch.

Als ich seinen Job machte, hielt ich in der Linken eine Taschenlampe, in der Rechten das Smartphone, um zu fotografieren, was ich einfach nicht lesen konnte, weil ich wegen einer Türklappe nicht weit genug in den Spülenunterschrank tauchen konnte, um die Zahlen zu erkennen. Ich hätte noch eine dritte Hand gebraucht, um den Auslöser anzutippen, weshalb mehrere Versuche nötig waren. Danach schickte ich mir die Fotos per Email und rief sie mit Photoshop auf, um sie zu vergrößern. Welch ein Hassel. Das war erst der Gaszähler.

Alle Stromzähler befinden sich im Keller nebeneinander in einem Schrank und sind durch Sichtfenster von außen einzusehen. Als ich davor stand und den richtigen Zähler versuchte abzulesen, kam zufällig der Hausbesitzer hinab und erbot sich zu helfen, beleuchtete den Zähler flugs mit der Assistenzlicht-App seines Smartphones und diktierte mir die Zahlen, so dass ich sie aufschreiben konnte.

Die Übermittlung der Zahlen ging einfach. Ich brauchte nur einen QR-Code vom Anschreiben zu scannen, da öffnete sich eine Eingabemaske, wo ich die Zählerstände eingeben konnte. Fertig. Es hat mich noch nicht mal zwei Stunden beschäftigt. Bestätigungsmail kam prompt:

    „Vielen Dank für die Übermittlung! Eine zusätzliche Versendung der Ablesekarte auf einem anderen Rückmeldeweg ist nicht mehr notwendig. Bitte bewahren Sie die ausgefüllte Ablesekarte auf und halten diese bei Rückfragen bereit.“

Also halte ich mich für Rückfragen bereit und trauere dem Zählerableser nach. Was macht der Mann jetzt? Hat er das Gefühl, komplett überflüssig zu sein, einfach wegstecken können oder muss er sein Elend im Alkohol ertränken mit all den lieber nicht auszumalenden Folgen für Frau und Kinder? Für ihn tut der Kunde die Arbeit und einer wie ich muss, um das zu können, diverse technische Hilfsmittel einsetzen. Es entsteht unnötiger digitaler Datenverkehr, was ökologisch nicht unbedenklich ist.

In der Romanreihe „Das Büro; Band I Direktor Beerta“ des niederländischen Autors Johannes Jacobus Voskuil, der in den frühen 1960-er Jahren handelt, lese ich von einer ausgeprägten Technikfeindlichkeit der Protagonisten. Schon das Mitbringen eines Tonbandgeräts führt beinah zum Ehezerwürfnis. Die Frau der Hauptfigur will das Ding keinesfalls in der Wohnung haben. Was aus heutiger Sicht anachronistisch anmutet, zeugt jedoch von Weitsicht. All die Kommunikationstechnologie ermöglicht unverschämte Forderungen, macht das Leben unschön und ist Ausdruck einer perfiden Spielart der sozialen Verwahrlosung. Der Mensch als Dienstbote ferner Herren.

10 Kommentare zu “Requiem für den Zählerableser

  1. Bei mir wird der Stromzähler nächstes Jahr durch einen ersetzt, der nicht abgelesen werden muss und direkt an die Stromzentrale oder was auch immer übermittelt wird.
    Ablesen musste ich nie. Das erledigte ein Externer. Womöglich hielt man mich für zu blöd dazu. Mir war es recht…

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  2. Ist ja schräg 😃
    Bei uns haben die’s eine Zeit lang mit selbst ablesen versucht – aber da kamen wohl so oft fehlerhafte Zahlen an, dass jetzt doch wieder einer rundgeht. Nur wenn man nicht anwesend ist, wirft er eine Karte rein, die man selbst ausfüllen kann, oder’s gleich online erledigt.
    Zum Thema Technikfeindlichkeit fällt mir ‚Mon Oncle‘ von Jaques Tati ein 😊 ein schöner Film.
    Liebe Grüße
    Sabine

    Gefällt 1 Person

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