Neuste Nachrichten vom Nichtstun

Die stillen Stunden des Sonntagmorgens sind mir schon immer besonders lieb gewesen, und noch schöner, quasi golden sind die hellen Stunden des Sonntagmorgens im November, wenn es draußen kalt ist, aber drinnen die Heizung summt und rauscht, und das heiße Wasser plätschert leis in den Heizkörpern.

    Nebenher: Mir widerstrebt das auslautende e in „leise.“ Zwischen „leis“ und „leise“ spüre ich einen Bedeutungsunterschied. Leis scheint mir leiser zu sein als leise, das zudem irgendwie gestelzt daher kommt, wie von einem tumben Oberlehrer aus Gründen der Vollständigkeit gefordert, und natürlich hat der schreckliche Mensch keine Ahnung von Stille.

Draußen in Kälte und Wind saß unter den fallenden Blättern der Eiche eine junge Frau auf einer Betonmauer und rauchte. Sie hatte entspannt ein gestrecktes Bein übers andere geschlagen. Neben sich hatte sie ein Buch, nein eine Schreibkladde. Während ich sie von der Küche aus betrachtete, ahnte ich, dass sie auf ihren Freund und Geliebten wartete, um ihm aus ihrem Tagebuch vorzulesen. Dafür nahm sie in Kauf, in der unwirtlichen Natur auszuharren, wie es eben ist, wenn zwei Liebende keinen Ort für sich haben.

Mit den Oberschenkeln an den Heizkörper gelehnt, schauderte ich und pries, mein Glück nicht dort draußen suchen zu müssen. Leider habe ich die anheimelnde Stimmung dieses Morgens trotzdem nicht wirklich genießen können. Zwar war ich ohne Verpflichtung, konnte mich ganz der feinen Innerlichkeit widmen, aber eine mahnende Stimme ließ mir keine Ruhe, ich müsste die Zeit sinnvoll nutzen. Dabei weiß mein besseres Ich, dass kaum etwas sinnvoller sein kann als das gepflegte Nichtstun. Weil das Meckern nicht nachließ, zwang ich mir die folgenden Zeilen ab. Bitte, ich übernehme keine Verantwortung, aber unter Zwang kann ich einfach nicht schreiben. Nur das hier über meine Unarten:

Wenn ich einen Termin habe und sei es, dass ich zu einer erfreulichen Reise aufbreche, dann gibt es da eine leise, manchmal laute Stimme in mir, die mich am Aufbrechen hindert, weil sie in Zweifel zieht, dass der Aufbruch überhaupt notwendig ist. Da werden absurde Ausflüchte gesucht, Ausflüchte und Entschuldigungen, die vorzutragen mir peinlich wäre, denn vor allem fällt eine nahezu gottschalcksche Wurschtigkeit auf.

Möglicherweise hängt das zusammen mit der anderen Unart, nämlich einen Aufbruch hinauszuzögern. Jede Sekunde kommt mir dann vor wie eine, in der der Aufbruch noch nicht nötig ist. In dieser Sekunde nicht, dann auch in der nächsten und übernächsten nicht. Man wird mir entgegenhalten, dass verstrichene Sekunden sich summieren zu Minuten und Stunden. Ja, das ist mir klar, doch jede ist eine einzige Sekunde. Sich in ihr nicht zu entscheiden, bewirkt ja nichts. Also ist es ähnlich in jeder weiteren Sekunde. Aus derlei paralysierenden Überlegungen kann ich mich nur ruckartig befreien.

Auch jetzt sollte, nein wollte ich zu Bett gehen, aber komme einfach nicht hoch. Also biete ich noch einige Zeit Tastengeklimper, wobei ich zu bedenken gebe, dass es eher ein langsames Geklimper, also mehr Geklamper ist, um es onomatopoetisch auszudrücken, denn wie schon mehrfach mitgeteilt, schreibe ich nach dem polizeibekannten Terroristensystem: „Jede Sekunde ist mit einem Anschlag zu rechnen.“ Natürlich kann ich auch zu jeder Sekunde aufstehen und, es müsste nicht, aber könnte gescheh …

26 Kommentare zu “Neuste Nachrichten vom Nichtstun

  1. Zum e: Der Brentano braucht das bisweilen in seinen Gedichten, damit das Versmaß stimmt. Dort klingt es dann so leise wie ein zartes leis.
    Zum Herausschieben: War das schon immer so oder hat sich das so entwickelt? Und wen hast du damit schon so richtig in Wallung gebracht? Das wäre interessant 😉 Mich würde es nämlich sehr auf die Palme bringen, obwohl ich nicht gut klettere.

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    • La Disparition (dt. Anton Voyls Fortgang), die deutsche Fassung von Eugen Helmlé besitze ich sogar, liebe Fabulierlust, wobei ich die Leistung des Übersetzers höher einschätze. Er musste sich ja möglichst genau ans Original halten, wo Perec frei fabulierte.
      Zu deiner Frage: Ich kann mich bremsen. 😉

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  2. Ach, was haben wir uns früher die unwirtliche Natur so wirtlich gemacht, sogar in verlassenen Weinbergshäuschen mit halb zusammengekrachtem Altsofa, hach.
    Dieser Eintrag hat schöne Bilder, auch die junge Frau mit der Kladde, oder das gemütliche Geräusche machende Heizungswasser oder…
    Kleine Frage sei gestattet: onomatopoetisch – bedeutet?
    Gruß von Sonja

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  3. Solange du, lieber Jules, hinauszögernd Texte dieser Art schreibst, solltest du unbedingt vor jedem Aufbruch weiter Zeit schinden. Denn dein Text macht mir das prokastinieren leichter und ich habe sogar noch eine wunderbare Ausrede, denn einen Text von dir zu lesen, hat man wirklich nichts mit Zeit verplempern zu tun.

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  4. Mir fiel auch spontan der Text ein „Leise, ganz leise klingt’s durch den Raum, liebliche Weise, Walzertraum“. „Leis“ klänge zu abgehackt und würde den Musikfluss stören. Auch in diesem Fall ist leise mit e leiser als leise ohne e…

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