Ein bisschen Grammatik mit Gott

Ein Plakat in der U-Bahn Hannover zwingt, über Grammatik nachzudenken. Eigentlich geht es aber um Wahrnehmung, besser um eine Falschnehmung, die Auskunft gibt, über meine innere Struktur als verstockter Ungläubiger. Ich sitze friedlich in der U-Bahn Linie 9 Richtung Fasanenkrug, da wischt im Bahnhof Sedanstraße/Lister Meile ein weiter unten abgebildetes Plakat vorbei. Ich habe es als Bildbeweis auf der Rückfahrt fotografiert geknipst. Der Slogan: „Ich bete, weil das Gespräch mit Gott kein Monolog ist“, soll zum Ausdruck bringen, dass der /die Betende nicht etwa nur mit sich selbst redet, sondern dass da irgendwo unbegreiflich ein höheres Wesen namens Gott mithört. Dann bliebe das Gebet zwar immer noch Monolog, aber es bestünde die Möglichkeit, dass dieser Gott antwortet, also in einen Dialog eintritt, wie er sich ja auch Moses in einem brennenden Dornbusch offenbart hat. Allerdings wäre der im U-Bahnhof Sedanstraße/Lister Meile zu gefährlich.


Formal handelt es sich bei „Ich bete, weil das Gespräch mit Gott kein Monolog ist“ um einen Gliedsatz, genauer um einen Kausalsatz (des Grundes), erkennbar an der Konjunktion „weil.“ Der Gliedsatz besteht aus einem Haupt- und Nebensatz, der mit einem Komma abgetrennt ist und durch eine unterordnende Konjunktion inhaltlich mit dem Hauptsatz verbunden ist.

    Satzbauplan: [Hauptsatz] ich [Subjekt] + bete [Prädikat], + [Nebensatz] weil [Konjunktion] + das Gespräch mit Gott kein Monolog ist .

Nachdem das geklärt ist, folgt jetzt meine Falschnehmung. Im Vorbeifahren las ich nämlich etwas anderes, genauer statt der Gliedsatzkonjunktion „weil“ die Gliedsatzkonjunktion „dass“, also: „Ich bete, dass das Gespräch mit Gott kein Monolog ist“, womit der Satz etwas Schillerndes bekommt, sinngemäß: Ich bitte Gott darum, dass es ihn gibt.

„Ich bete, dass das Gespräch mit Gott kein Monolog ist“ hätte in etwa die rekursive Qualität des Lichtenberg-Zitats: „Ich danke es dem lieben Gott tausendmal, dass er mich zum Atheisten hat werden lassen.“

Ja, ich auch.

28 Kommentare zu “Ein bisschen Grammatik mit Gott

    • Gemeuchelt von der Amtskirche. Bin sehr froh, dass wir derlei schreiben können, ohne von kirchlichen Eiferern ermordet zu werden. Für mich als Atheisten wäre der Plakatslogan noch interessanter mit der Konjunktion „damit“ – „Ich bete, damit das Gespräch mit Gott kein Monolog ist.“ Der zeigt noch deutlicher, dass Gott von Menschen erschaffen wird. Es ist übrigens umgekehrt, nicht „Gott schuf den Menschen nach seinem Vorbild“, sondern: Der Mensch schuf Gott nach seinem Vorbild. Das allein erklärt, wie rachsüchtig und mordlustig der Gott des Alten Testaments ist.

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    • Freut mich, wenn ich dir mit Lichtenbergs Hilfe den Start in den Schulalltag erheitern kann. In einer Wilsberg-Folge lässt der Drehbuchschreiber ihn den Satz sagen, ohne dass er eine Quelle angibt, obwohl es bei einem Buchhändler nicht ungewöhnlich wäre. So ist’s ein sich Schmücken mit fremden Federn. Man glaubte wohl, das merkt keiner. Von wegen 😉

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  1. Früher hab ich immer alles nur beim Überfliegen richtig gelesen. Seit ein paar Jahren werde ich offensichtlich phantasievoller – sowas würde ich mit ziemlicher Sicherheit auch lesen. Ich denke dann immer, das sei lustig und ich sollte es aufschreiben. Und habe es zwei Minuten später vergessen.
    Auch das Alter.

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    • Bei mir ist es in Sachen Verlesen genau anders herum. Früher geschah es öfter. Gegen das Vergessen solch flüchtiger Einfrücke hilft das Notieren. Weil ich keinen Stift fand, habe ich mir vom Smartphone eine E-Mail mit den Notizen geschickt.

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      • Es gibt Notizbuch-Apps für’s Smartphone. Ich benutze eine, als Einkaufszettel, für Maße von Regalen, die ich „irgendwann mal“ bauen will, und von den Dingen, die mein Freund im Schlaf zu mir sagt (sehr lustig, aber meistens so sinnlos, dass ich sie sofort vergesse). Die „Verleser“ schaffen es da nie rein, weil sie mir meistens passieren, wenn ich unterwegs und in Eile bin (zum Beispiel im Auto).

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  2. Manche Aphorismen werden inzwischen so oft wiederholt, dass sie zu regelrechten Topoi geworden sind. In irgendeinem TV-Krimi vor einigen Tagen hörte ich jemanden sagen, er traue nur Statistiken die er selbst gefälscht habe. Das sollte so klingen als wäre ihm das gerade eingefallen. Stammt aber angeblich von Churchill.

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  3. Jules, habe gerade Deine Ausführungen zum Thema „Gott“ gelesen. Meinerseits würde ich mich im Regelfall in dieser Frage auch als „Jünger“ Lichtenbergs bezeichnen. Allerdings gibt es hin und wieder Situationen, in denen sich der längst zu Staub zerfallene Pfarrer Houben wieder bei mir meldet. Dann rette ich mich schon mal mit diesen von „B,S&T“ vorgetragenen Versen: „I can swear there ain‘t no Heaven But I pray there ain‘t no hell.“ Irgendwie ist der Alte doch nicht totzukriegen…. Gruß Franz

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