Die obszöne Leichtigkeit des digitalen Schreibens

In meinem Wohnzimmer steht kaum beschattet von meiner Zimmerpalme Josie auf einem Hocker zur Dekoration die alte Halda-Schreibmaschine. Von ihr habe ich an anderer Stelle schon berichtet. Leider ist sie seit Jahrzehnten defekt. Als meine Kinder noch klein waren, haben sie die Zeitung Winkelblick für unser Sträßchen gemacht, genannt nach dem Straßennamen. Das Gartenhaus war die Redaktion, und das Produktionsmittel war die Halda. Da für mich die Computerzeit angebrochen war, überließ ich die Halda gern dem Redaktionsteam.

Heute bedauere ich, dass die Halda solchen Strapazen ausgesetzt war und defekt ist. Sie zu restaurieren wäre gewiss teuer. Aber mich drängt, wieder auf einer Schreibmaschine zu schreiben. Es ist ein ehrlicher Schreibvorgang. Jeder Buchstabe steht auf dem Papier, wo ihn der Typenhebel hingeschlagen hat. Ihn zu tilgen, ist aufwendig, also muss man sich beim Schreiben beizeiten sammeln.

Das digitale Schreiben ist Probehandeln, erlaubt das spurlose Tilgen von Denkansätzen, Umstellen, Löschen, mithin Zurechtkneten eines Gedankens, der zuvor etwas Ungefähres war. In den Anfängen des digitalen Schreibens wurde es überschwänglich gelobt. Segensreich für die Überwindung von Schreibblockaden fand die Süddeutschen Zeitung (SZ) im Juni 1989 die digitale Textverarbeitung. Digitales Schreiben sei kreativ, weil es nie „statisch“ sei.
Im Jahr 1989 mochte ich der SZ Recht geben, obwohl die Wendung „was Sie sich ‚eigentlich‘ gedacht haben“ ein ziemlicher Quatsch ist. Es gibt hinter dem Denken kein Hinterstübchen, wo alles „eigentlich“ schon gedacht ist, bevor man es schreibend in die Welt entlässt. Es gibt Absichten, etwas mitzuteilen, aber es muss bedacht werden. Trotzdem war ich von den Möglichkeiten der Textverarbeitung angetan, führte jedoch noch zehn Jahre ein Tagebuch mit der Hand. Beim heutigen Durchblättern beschleicht mich das ungute Gefühl, dass ich in dieser Zeit subtiler und tiefer über die Phänomene des Lebens nachgedacht habe. Heute weiß ich mehr, habe mehr Schreibpraxis, aber könnte es sein, dass mein Denken kurzatmiger geworden ist? Der Wechsel von Handschrift oder Schreibmaschine zur Textverarbeitung ist nicht nur ein Wechsel des Schreibgeräts. Er hat die Anforderungen an das und mithin das Denken verändert.

Digitale Textverarbeitung kommt mir in seiner Leichtigkeit obszön vor, denn es entspricht nicht meiner derzeitigen Lebenswirklichkeit. Das Aufstehen vom Sitzen ist mühsam, Treppensteigen eine Herausforderung, Gehen ermüdend und manchmal schmerzhaft. Es ist eine Auseinandersetzung zwischen meinen Absichten und dem Widerstand der Welt. Sollte Schreiben nicht auch eine Auseinandersetzung mit Material sein, um das Denken in großen Zusammenhängen einzuüben? Ich lasse mich ja auch nicht mit dem Fahrstuhl transportieren und glaube, ich trainiere Treppensteigen.

Ich will mir eine funktionierende mechanische Schreibmaschine zulegen und Stempel auch.

Musiktipp
Admiral Freebee
Too Much Of Everything