Wissensvermeidung durch Betreuungsapplikationen

Bescheid zu wissen, ist eine elementare Weise, sich in der Welt zu orientieren.
– Einen Kuchen backen zu können, ohne in einem Rezept nachschauen zu müssen;
– einen Weg zu finden, weil er durch Wiederholung auf der Inneren Landkarte gespeichert wurde;
– einen Menschen mit Namen ansprechen zu können, weil er einem vertraut ist.

Die Liste ließe sich beliebig erweitern. Es handelt sich um Weltwissen, nicht unbedingt um Wissen über die ganze Welt, sondern Wissen, das die unmittelbar erlebte Welt betrifft. Dieses Wissen wird eher nebenbei erworben. Das Kind lernt es über erwachsene Vorbilder oder fragt danach, weil durch bestimmte Ereignisse seine Neugier geweckt wurde. Durch klugen Transfer werden vergleichbare Erscheinungen einbezogen. Über die genannten Faktoren hinaus kann ein Kind sich Wissen anlesen, wenn ihm entsprechende Literatur angeboten wird. Das kann erzählende Literatur sein, aber auch Sachliteratur wie Anleitungen, Lexika, Nachschlagwerke, Beschreibungen oder Erfahrungsberichte. Das setzt die Fähigkeit voraus, beliebige Texte in Gebrauch zu nehmen, sie also für sich nutzbar zu machen.

Die Digitalisierung hat eine Fülle von Applikationen (apps) hervorgebracht, die Wissen überflüssig machen:
– Das Navigationssystem macht gleich zwei wissensbasierte Qualifikationen überflüssig, eine Innere Landkarte anzulegen und zu aktualisieren, eine gedruckte Landkarte lesen und interpretieren zu können;
– Digitale Abfragen ersetzen Nachschlagen, Lesen und Interpretieren von Wörterbüchern;
– Bus- und Bahnapps machen überflüssig, Fahrpläne zu lesen und zu interpretieren;
– Spracherkennung ersetzt schriftliche Eingaben;
– Kommunikation durch Bildschirmwischen, Beispiel die Dating-App Tinder;
– Auswählen verschiedener Angebote durch Tippen auf den Touchscreen;
– Schreiben per Bildschirm mit Sprachergänzungssystemen;
– …

Sprachergänzungssysteme reduzieren den Wortgebrauch auf die angebotenen Wörter. Die Spracherkennung scheint ein Erstarken des mündlichen Sprachgebrauchs mit sich zu bringen. Doch geht der Trend dahin, dass unvollständige oder verkürzte mündliche Eingaben reichen, dem Nutzer ein erfolgreiches Agieren zu ermöglichen. Auch die Geste als grundlegende menschliche Kommunikationsform erstarkt nur auf niedrigem Niveau. Das Schreiben durch Tastendruck ist ebenfalls verschlankte Gestik, kommt noch rudimentärer daher, wenn eine Tastatur auf dem Bildschirm simuliert wird. Das Angebot solcher Wissensvermeidungs-Apps wird noch größer sein als in obiger Liste erfasst, auf jeden Fall wird es ständig erweitert werden. Alles kommt daher als Erleichterung, macht aber Wissen und Qualifikation überflüssig.

Dieser Trend ist kaum oder gar nicht aufzuhalten. In die Zukunft gedacht, schafft er ein Heer dummer Nutzer und eine kleine Gruppe mächtiger Agenten der Betreuungsapplikationen, deren Brotherren die Welt beherrschen.