Beförderungserschleichung mit Gehstock

Einen Euro, sechzig habe ich heute gespart. Ich ging mit meinem Gehstock zum Bus, vielmehr ich ging am Stock zur Bushaltestelle, als von hinten der Gelenkbus angerauscht kam und mich zwanzig Meter vor der Haltestelle überholte. Ich sah, dass eine Frau einen Kinderwagen hinein zu heben trachtete und rechnete mir Chancen aus, den Bus noch zu erreichen. Also ging ich schneller, so schnell, dass der Stock kaum hinterher kam. Glücklicherweise holte er mich rechtzeitig ein. Ich schob ihn in die offene hintere Tür, um sie am Zufahren zu hindern. Die Überlandwerke und Straßenbahnen Hannover AG (ÜSTRA) wird doch keinen Gehstock einklemmen und ihn entführen, dachte ich. Tatsächlich blieb die Tür offen und ich bestieg den Bus. Dann setzte ich mich auf die Rückbank. Den langen Weg durch den fahrenden Gelenkbus, um beim Fahrer einen Fahrschein zu erstehen, traute ich mich nicht zu gehen, sondern fuhr notgedrungen Schwarz, und das, obwohl ich mir passendes Fahrgeld in die Jackentasche gesteckt hatte. Diese Gründe, die den wohlmeinenden Leserinnen/Lesern durchaus plausibel erscheinen mögen, hätten vor den gestrengen Augen eines Kontrolleurs keinen Bestand, erst recht nicht vor einem, der sich durch einen Gehstock nicht davon abhalten lässt, einen Gehstockträger nach einem gültigen Fahrschein zu fragen.

Plausible Entschuldigungsgründe hin oder her; es handelte sich um den juristischen Tatbestand der Beförderungserschleichung und das, obwohl mein Gehstock bei jedem Schritt ein klingendes Geräusch macht, durch das ein Schleichen unmöglich wäre.

Die Zeit zitiert heute den Germanisten Kristian Berg mit der populären Drohung: „Das Semikolon stirbt aus.“ Das ist zwar nur eine marginaler Aspekt des Artikels, macht sich aber gut als Überschrift, findet die Knalljournaille. Ich mache vorsorglich darauf aufmerksam, dass jeder es in seiner Hand hat, den Strichpunkt in seiner Funktion als Satzzeichen weiter zu nutzen, wie ich es im Satz zuvor getan habe, ganz oft jedoch in Kommentaren mit [Semikolon] und [Klammer zu] ein Ikon mit Kniepauge setze, um zu zeigen, dass eine Aussage nicht ganz ernst gemeint ist.

Ich habe nämlich bei der Rückfahrt schon wieder die Beförderung erschlichen, weil es nämlich ganz und gar unerquicklich ist, vor einem übellaunigen Busfahrer Geld hervor zu kramen, den Stock zu halten, einen Fahrschein zu erstehen und einen Sitzplatz zu finden, bevor der Bus losfährt. Ich kann die begründete Beförderungserschleichung jedem Stockträger empfehlen 😉

    Falls jemand auf die Idee kommt, das geringe Entgelt für einen Fahrschein zu preisen; 1,60 Euro ist nur der Kurzstreckentarif. Man zahlt ihn sogar [oder auch nicht] für eine Fahrt zwischen zwei Haltestellen. Ich sparte also insgesamt 3,20 Euro.

16 Kommentare zu “Beförderungserschleichung mit Gehstock

  1. Das fand ich in Berlin so schön, als ich dort neulich als Touristin unterwegs war. Dort gibt’s ne App mit der man sich ganz schnell mit dem Handy einen Fahrschein kaufen kann, egal wo man gerade sitzt. Aber sowas gibt es halt noch nicht überall.

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  2. “ Ich sehe die aufmerksame Fürsorge in den Augen eines städtischen Busfahrers. In der Rushhour des Samstagmorgens beobachtet er die alte Frau, die langsam in den Bus steigt, ihre Fahrkarte zittrig in den Entwerter schiebt und sich dann mühsam hinsetzt. Der Bus bleibt stehen bis sie sicher sitzt! Alle warten, außen und innen, inzwischen ist die Ampel wieder rot.
    Bei Grün fährt der Bus los und alle sind froh: die alte Frau, weil sie in den Bus kam, die Fahrgäste, weil es keine Angst macht, alt zu werden, solange Rücksicht genommen wird, und der Busfahrer, weil er sich die Zeit nahm.
    Es ist, als hätten wir alle einige Minuten geschenkt bekommen, manche lächeln, niemand wirkt ungeduldig.“
    mein tagebucheintrag feb. 2011 in barcelona, dein beitrag erinnerte mich daran. so kann es auch sein.

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