Reise durch zehn Betten

Manch einer wird denken, unter der Überschrift würden ihn frivole Bettgeschichten erwarten, Erzählungen von amourösen Ereignissen etwa im Bett eines verschwiegenen Hotels, in dem ein Liebhaber eine leichtfertige Frau erwartet, die heran geradelt käme in einem luftigen Sommerkleid, unter dem sie nichts trüge als aufregende Dessous. Sie hätte sich zeigefreudig erhitzt beim Gedanken, dass der laue Fahrtwind ihr gelegentlich unter den Rock gefahren war, und frech entblößt hatte, wofür Männer ihre Automobile in die Straßengräben lenken. Nein, nein, nein!

Wer solche Phantasien erwartet, lese hier nicht weiter. Unsere Altvorderen wussten schon, warum sie den emanzipierten Radfahrerinnen der frühen Stunde Bleikugeln in die Rocksäume genäht haben, wie wir sie heute noch beschwerend in den Gardinen besserer Häuser finden. Diese Bleikugeln hinderten die Kleider am Hochfliegen und befreien quasi jetzt noch unsere Gedanken von anzüglichen Assoziationen. „Reise durch zehn Betten“ soll nämlich sein ein bewegender Tatsachenbericht. Er kündet von Ereignissen, deren Beschreibung es nötig gemacht haben, schönere Imaginationen voranzustellen, um potenzielle Leserinnen/Leser nicht abzuschrecken.

Meine Odyssee durch zehn Betten begann naturgemäß im eigenen Bett. Ich hatte es neu gekauft, und es war so breit und bequem, dass es mir allmorgendlich schwer fiel, mich aus Morpheus Armen loszureißen. Doch so ist der Mensch. Kaum geht es ihm gut, trachtet er danach, dass es ihm noch besser gehen möge. Zusammen mit der Schwäbin meines Herzens trat ich aus purem Mutwillen eine Kur auf einer Halbinsel am Bodensee an. Unsere Betten waren schmal, doch standen in Zimmern mit Seeblick, was uns für die kurze Zeit des Aufenthalts zu entschädigen vermochte. Da ich die Kur aus Gründen um eine Woche verlängerte, musste ich in ein angrenzendes Zimmer umziehen, das exakt spiegelverkehrt zum ersten war und mich allmorgendlich zwang, mit dem linken Fuß aufzustehen. Sie, verehrte Damen und Herren wissen, dass mir Aberglaube fremd ist, doch dieser linke Fuß, mit dem ich eine Woche quasi versehentlich ins Leben gestartet bin, ist der einzige Hinweis auf nahendes Unheil im vierten Bett.

Das stand nämlich in einer Hannoveraner Klinik, und ich landete darin zwar zur passenden Tageszeit, nämlich am Ende eines feuchtfröhlichen Abends, also quasi nachts, aber unter schmerzhaften Umständen, nachdem ich die letzte Stufe einer Terrassentreppe übersehen hatte, ins Leere stürzte, unsanft auf Steinfliesen landete und mir den rechten Unterschenkel spiralförmig brach, was auf dem Röntgenbild an einen vom Sturm abgedrehten Baumstamm erinnerte, vom glatten Wadenbeinbruch ganz zu schweigen. Nach einer OP lag ich also wie vom Baum gefällt. Anfangs musste ich die Nachtschwester bitten, meinen Fuß zu betten, seitlich abzustützen, damit er nicht schmerzhaft umfiel. In der sonst angenehmen Atmosphäre der Klinik ahnte ich noch nicht vom drohenden Ungemach des nun folgenden fünften Bettes.

Da ich nach Vorgabe der Chirurgen das operierte Bein für „sechs bis acht Wochen“ nur mit zehn Kilogramm belasten durfte, aber alle in Frage kommenden Unterkünfte nicht barrierefrei waren, blieb mir nur die Wahl, als kurzzeitiger „Bewohner“ in ein Pflegeheim einzuziehen. Auf die näheren Umstände mag ich nicht eingehen. Ich mag nicht vom Schmutz berichten, nicht von aprikotfarbener Wandfarbe, die geeignet ist, mich in tiefe Depression zu stürzen, nicht von der dementen Alten, die nachts auf Wanderschaft ging, sich gerne neben meinem Bett einfand und mich zu Tode erschreckte. Es soll der Hinweis auf das Bett genügen. Nach einer Weile stellte ich fest, dass es außer mir noch einen Bewohner hatte, nämlich einen fetten schwarzen Käfer. Wo genau er hergekommen war, traute ich mich nicht zu ermitteln, denn der Anblick einer träge krabbelnden Käferpopulation in irgendwelchen Bettgestellritzen wäre mir zuviel gewesen.

Wird fortgesetzt

9 Kommentare zu “Reise durch zehn Betten

  1. Reaktionen noch und noch, auch was gelernt, beispielsweise die in Röcke genähten Bleikügelchen, bisher nur bei Gardinen bekannt …Aber dann hat es mich tüchtig geschüttelt bei der Schilderung der Kurzzeitbehausung samt dickem schwarzen Käfer…Was aber auch alles passieren kann, und das einem einzigen Menschen, tse…
    Gruß von Sonja

    Gefällt 1 Person

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