Burtscheider Kursplitter XXVIII – Ich Deppenmagnet

Manchmal werde ich ohne eigenes Zutun zum Deppenmagneten. Das kann passieren, wenn ich emotional und physisch erschöpft bin. Erster Fall:
Ich drücke einen der beiden Aufzugrufköpfe. Inzwischen habe ich herausgefunden, dass es egal ist, ob man den unteren für Aufwärts oder den oberen für Abwärts drückt. Die digitale Aufzugschaltung schickt immer den Aufzug, der frei ist. Eine hinter mir stehende Frau belehrt mich:
„Sie müssen für Aufwärts drücken. Sie haben Abwärts gedrückt.“
„Das macht keinen Unterschied, der jeweils freie Aufzug kommt, egal, ob er grad über uns oder unter uns ist.“
„Macht es doch“, beharrt sie.

Ich bin bereit, ihren Starrsinn mit Milde zu betrachten. Aus ihrer Perspektive hat sie Recht. Wenn sie abwärts will und der Aufzug kommt, kann sie nicht sehen, woher, kann also glauben, er wäre von über ihr gekommen. Demnach hat alles seine Richtigkeit in dem Sinn, dass sie bekommt, was draufsteht, ein Fall von magischem Denken.

Der nächste Depp ist ein kugelrunder Mann im roten Ferrari-T-Shirt und in kurzer roter Sporthose. Auf dem Buckel hat er einen voluminösen Rucksack. Er steht mit seinen Krücken hinter mir wartend vor den Aufzügen. Ein Aufzug kommt, die Tür öffnet sich, ich schaue prüfend hinein, ob er Leute bringt, die aussteigen wollen, finde ihn leer und gehe hinein.
„Sie dürfen mit Ihren Krücken nicht so nahe an der Tür vorbeigehen. Falls einer rauskommt, müssten Sie rückwärts gehen“, sagt der Dicke, indem er sich schnaufend neben mich stellt.
„Danke, ich sehe mich vor, habe in fünf Wochen noch nie Probleme gehabt.“
„Fünf Wochen? Donnerwetter!“
Vermutlich hat der Dicke an seine eigene Körperfülle gedacht, an der niemand so einfach vorbei kommt..

Gestern Abend hat mich ein Freund zum Bahnhof und zurück gefahren, weil ich meine längst fällige Heimfahrt organisieren wollte. Derweil ich die Stufen zum Haupteingang der Klinik hochgehe, sagt einer hinter mir: „Sie müssen mit dem anderen Bein vorausgehen!“
Ich bin ungehalten und sage: „Nein, das Gesunde geht zum Himmel, merken Sie sich das!“
„Ach, ich habe mich vertan, weil bei mir das rechte Bein das Gesunde ist.“

Alle drei Zeugnisse des Deppentums vereint, dass die Leute ihre Denken besserwisserisch auf meins übertragen haben. Aber heute Morgen beim Frühstück schoss einer den Vogel ab. Eine der Servierdamen wies mich an seinen Tisch. Ich grüßte, legte und stellte meine Sachen ab und setzte mich. Ich hatte mir vier Tütchen Zucker besorgt, zwei Tütchen für jede der beiden Tassen Kaffee, die ich trinken wollte. Mein Gegenüber wollte sich offenbar unterhalten, was mir schon zuviel war. Hätte er wenigstens mein Interesse geweckt, etwa mit den Worten:
‚Herr Tischnachbar, ich werde mich Ihnen jetzt als Volldepp erweisen. Merken Sie auf, guter Mann!‘ Das tat er leider nicht, wies auf die vier Zuckertütchen und sagte: „Das ist aber viel Zucker.“ Das konnte ich glücklicher Weise noch parieren, deutet auf die leeren Schälchen, die er vor sich hatte:

“Weniger Zucker als in Ihrem Nutella und in der Marmelade.“
Kleine Kaupause. Dann wies er auf meinen Teller mit Belag und sagte: „Sie sind wohl ein Käsefreund?“
„Du liebe Zeit. Haben Ihre Eltern Sie vor Jahrzehnten in einem eiligen und gewiss freudlosen Geschlechtsakt gezeugt, damit Sie mir am 9. September 2021 mein Frühstück kommentieren? Ist das Ihre verfluchte Bestimmung?“ Das hätte ich fragen sollen. Stattdessen erklärte ich lahm, warum ich mir nicht den fetten Aufschnitt auf den Teller packe: „Ich bin Vegetarier.“
An manchen Tage fehlt mir einfach die Kraft, mich gegen tieffliegende Deppen zu beschirmen.

Musiktipp
The Bear That Wasn’t – Your Huckleberry Friend