Burtscheider Kursplitter XXVI – paradiesisch leicht

Die Leichtigkeit ist mir abhanden gekommen, kein Wunder, wenn einer an Krücken geht. Dass meinen Texten die Leichtigkeit fehlt, wurde mir klar, als ich zufällig einen 15 Jahre alten Text fand. Weil ich heute kaum Zeit hatte zu Schnaufen, gibt es diese Konserve aus einer Zeit, in der ich Muße hatte, noch rauchte und viel Fahrrad fuhr. Was ist? Im Fernsehen laufen auch dauernd Wiederholungen. Manches wiederholen sie so oft, ich könnt‘ es singen. Zumindest kennt diesen Text so gut wie keiner …

Am Paradies entlang
Nach langen Mühen, Irrungen und Wirrungen langte ich am Paradies an. Zuvor hatte ich befürchtet, auch dieser Weg könnte zulaufen, in sich selbst zurückkehren und mich der schrecklichsten Ödnis anheim fallen lassen, einem immerwährenden Kreislauf durch eine unerquickliche Schleife.

Was ist übrigens im Menschen, das ihn verschlungene Pfade lieben lässt? Liegt der Weg ausgebreitet vor dir, ist er gar eine breite Straße, bist du nicht wirklich froh. Da haben sich Ingenieure über Pläne gebeugt, sich den Rücken für dich krumm gemacht, haben fleißige Arbeiter angewiesen, und sie wiederum haben Hacken geschwungen und Planierraupen gefahren, mal unter einem schweißtreibenden Gestirn, mal bei Nacht im Schein greller Scheinwerfer. Doch du guckst die frisch geteerte Straße hoch und sagst: Ach, wie langweilig. Ich kann ja fast bis zum Ende gucken, und da, wo sich die fluchtenden Linien der Straße küssen, ahne ich schon das Paradies. Bitte, wer will denn einen schnurgeraden Lebensweg, so bar jeder Überraschung? Da müsste ich mir die Schwierigkeiten ja selber machen.

Gibt’s keinen freundlichen Fußweg zum Paradies? Er darf sich ruhig ein bisschen schlängeln, damit mich die Neugier darauf kitzelt, was hinter der nächsten Biegung wartet. Und ein bisschen wellig sollte der Weg sein, meine Herren Ingenieure. An manchen Stellen dürfte er Waldboden haben, der meine Fußsohlen schmeichelt. Statt der Straßenlaternen wünsche ich immerzu Sonne, genauer, es soll ein Lichterspiel sein, ein Haschmisch zwischen Sonne und Schäfchenwolken. Und wenn mir dann auch noch der Proviant hinterher getragen wird, dann will ich mich gern zum Paradies aufmachen.

Welche Erwartungen darf man an das Leben haben? Wieviel heiteres Wechselspiel und Bequemlichkeit ist angebracht? An einer deutschen Schule wird neuerdings gelehrt, wie man sein Glück findet. Glück als Schulfach, das passt in unsere Zeit wie Arsch auf Eimer.

Also, ich langte nach beschwerlicher Reise am Paradiestor an. Und was musste ich lesen? „Heute geschlossene Veranstaltung“. Es hat mich jetzt nicht wirklich geschmerzt. Gut, es gibt im Paradies augenscheinlich zwei Sonnenschirme, und unter dem prächtig gestalteten Eingang beginnt ein hölzerner Steg mit Buchsbaumhecken links und rechts. Doch was ist, wenn man im Paradiesvereinsheim rund um die Uhr jubilieren und frohlocken muss? Macht das nicht blöd?

Ehrlich gesagt, bin ich heute nicht am geschlossenen Paradiestor gewesen, sondern habe mich aufs Rad gesetzt und rollte unter anderem durch das niederländische Simpelveld. Der Ort nennt sich “De poort van het Mergelland” (Das Tor zum Mergelland) und “Het balkon van het Heuvelland” (Der Balkon des Hüggelandes). Im verschwiegenen Park von Simpelveld lag ein junger Mann rücklings auf der Wiese, und eine junge Frau lag bäuchlings auf ihm. Ich saß unweit von diesem Glück auf einer Bank. Von rechts schob ein alter Mann ganz langsam mit einem Rollator heran. Eine alte Frau hielt achtsam seinen Arm. Ich drehte mir eine Zigarette, schaute auf den Ententeich und rauchte. Als ich die Kippe austrat waren die beiden endlich heran, fragten, ob auf der Bank noch Platz sei und waren glücklich, als sie endlich saßen.

Bald fuhr ich weiter. Unter blauem Himmel und milder Sonne blies ein warmer Wind. Radeln, schauen, ein wenig denken und erinnern – welch eine wunderbare Erfindung ist doch ein Fahrrad.

Damit alle wieder wach werden, rockt jetzt Miles Kane das Profil von den Schuhsohlen im Teestübchens-Musiktipp:
Miles Kane
Don’t Forget Who You Are