Burtscheider Kursplitter XXV – Rollatorcity

Wie es scheint, sind alle Großsprecher abgereist. Statt ihrer lärmen einige alte Frauen am anderen Ende des Speisesaals. Beim sonntäglichen Frühstück fühle ich mich durch ihr lautes Lachen gestört. „Lass sie doch lachen“, sagt mein besseres Ich. Wer Alltags beständig mit seinen Gebrechen konfrontiert ist, wem bei gymnastischen Übungen dauernd die eigene Unbeholfenheit vor Augen geführt wird, wer seinen eigenen Körper nicht mehr erkennt, weil er dauernd schmerzt und plötzlich Muskeln benötigt werden, die im Alltag nie gebraucht wurden, muss sich auch mal aufrichten dürfen. Nicht jeder hat zum Ausgleich eine digitale Existenz namens Jules van der Ley, die sich ohne erkennbare Gebrechen dem mühseligen Patientenalltag entheben kann. Als mich letztens mein Kindheits- und Jugendfreund F. besuchte, klagte ich ihm, dass meine Themen sich so verengt hätten auf meine derzeitige Behinderung.
„Derlei Bewältigung ist doch die Aufgabe von Literatur“, sagte der kluge Mann. Trotzdem wünschte ich, den derzeitigen Zwängen mal zu entkommen.

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Wenn ich mich mit Krücken am Kopfsteinpflaster der Burtscheider Fußgängerzone abmühe, muss ich an Jeremias Coster denken. Als meine literarische Kunstfigur war er Professor für Pataphysik an der RWTH Aachen, im realen Leben Zeichner, Lebenskünstler, Architekt und Stadtplaner. Der Stadtplaner in ihm war stolz auf jedes Stück Kopfsteinpflaster, das erhalten oder neu angelegt werden konnte. Oft habe ich ihm gesagt, dass eine alternde Gesellschaft sich fußläufig zunehmend mit Rollatoren fortbewegen wird und entsprechende Wegverhältnisse braucht. Ich habe sogar ein Fotoprojekt gestartet und Leute mit Rollatoren fotografiert. (Gif-Animation: JvdL)

Coster, der bis dahin vornehmlich Plattgefahrenes und abgelegte Bananenschalen fotografiert hatte, beteiligte sich an meinem Projekt „Rollatorcity“ und schickte mir bald eine Sammlung Rollatorenfotos. Bevor er selbst in die Zwangslage kam, sich mit Gehhilfen über das geliebte Kopfsteinpflaster zu quälen, hat er sich lieber erschossen. Altwerden ist nichts für Feiglinge.

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In einem quasi visionären Abendbummeltext vom September 2007 im Teppichhaus ( nicht Teestübchen) Trithemius auf der versunkenen Plattform Blog.de habe ich schon über das Problem geschrieben. Der Abendbummel war ein frühes Format im Teppichhaus Trithemius und erschien täglich. Formale Besonderheit der Abendbummeltexte: Leserinnen Und Leser werden im Text angesprochen [literarisches Du] (nur damit du dich nicht wunderst gleich 😉

    Kopfsteinpflastermusik
    Ja, gibt’s, denn heute keinen Abendbummel? Die Frage ist ein fünfhebiger Jambus, erste Silbe unbetont, zweite Silbe betont, und das fünfmal im Vers. Der Jambus ist beschwingter als sein Bruder Trochäus, der sogleich mit einer betonten Silbe beginnt, als würde einer bei dir zu Hause die Tür eintreten und: „Komm jetzt mit!“ rufen.
    Nein, Trochäus woll’n wir nicht. Wir bummeln jetzt in Jamben. Den ganzen Bummel in Jamben zu schreiben, das wäre mir aber zu mühselig. Denn immer wenn ich einen Jambus zu schreiben versuche, fällt mir ein Satz ein, der partout ein Trochäus sein will. Und umgekehrt. Übrigens, wir gehen inzwischen über den belebten Münsterplatz. Hier liegt Kopfsteinplaster, da empfiehlt es sich nicht, über Schrittfolgen nachzudenken. Guck, da klackert wieder eine Frau in Pumps heran. Wie Frauen auf hohen Absätzen über Kopfsteinpflaster gehen, das nötigt mir stets Bewunderung ab. Es ist eine Akrobatenleistung, die allein der Schönheit oder der Eitelkeit gewidmet, also im hohen Maße kulturell ist.

    Übrigens, ist dir das eigentlich schon einmal aufgefallen? Das Wort „Trochäus“ ist selbst ein Jambus, während das Wort „Jambus“ ein Trochäus ist. Ich gebe zu, das ist eher nutzloses Wissen. Doch wer sich mit nutzlosem Wissen beschäftigt, verhält sich ebenso kulturell wie die Frauen mit hochhackigen Schuhen auf Kopfsteinpflaster. „Kultur ist Reichtum an Problemen“, sagt Egon Friedell.

    Komm, wir lassen mal den Mann mit dem Rollwagen vorbei. In letzter Zeit denke ich oft darüber nach, wie denn wohl in 10 bis 15 Jahren die Bürgersteige und Plätze gestaltet sein werden. Im Jahre 2020 steht nicht nur ein Mann mit Rollwagen, – wie heißen die Dinger noch mal, doch nicht Petstroller? Rollator? Na, egal, wir waren im Jahr 2020, dann heißen die vielleicht ganz anders. Also, dann steht nicht nur einer mit seinem Schiebekärrchen hinter dir und kann nicht weiter, dann stehen in der Stadt Hunderte herum. In jedem Fall brauchen wir dann breitere Bürgersteige und Rampen an allen Eingängen. Selbstverständlich werden die Kopfsteinpflasterpassagen dann mit Rollbahnen durchzogen sein oder gar ganz weichen müssen. Weißt du, und darum sitze ich zur Zeit so gerne am Münsterplatz. Solange noch die akrobatischen Hochhackigen über das Kopfsteinpflaster klackern.

    Guten Abend
    (Das ist ein Trochäus)

Musiktipp
elbow – ‚Lippy Kids‘