Burtscheider Kursplitter XXIV – Beruf Patient

In der Therapiewartezone erzählt eine Frau der anderen ihren Leidensweg. Nach der letzten Operation habe sie den Chirurgen gefragt, wieso er denn die 20 Jahre alte Prothese noch belassen habe. Die sei ja noch gut, habe der gesagt, was bedeute, dass irgendwann eine weitere OP nötig sein werde. Ein Physiotherapeut hat alles gehört und sagt mitfühlend: „Ja, der Beruf Patient ist nicht für jeden was.“

*
Samstagabend. Die Großsprecher-Ecke ist verwaist. Am Ecktisch hat sich eine dicke schweigsame Frau niedergelassen, ich setze mich an den runden Dreiertisch daneben und habe die Fotowand vor Augen, die den Speisesaal schmückt. Zeit zu schauen, Schwarzweißfotos von Landschaften, Makro-Aufnahmen von Blumen, einer Distel, das Porträt eines Kindes, ein Paar auf einer Bank, gestapelte Steine, Wolken, das historische Aachener Rathaus, alles ganz hübsch fotografiert, doch in gewisser Weise belanglos. Karl Valentins Bonmot:

    „Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen“,

ließe sich abwandeln: „Es ist schon alles fotografiert, nur noch nicht von allen. Ab dem Jahr 2010 kam das Smartphone auf und hat mit seiner Verbreitung eine unüberschaubare Flut von Bildern hervorgebracht. Was ist, wenn auch der hundertzehntausendste Sonnenuntergang, die 50 Millionste Rose, wenn dereinst alles von allen geknippst ist? Hat sich dann der Sinn des Daseins erfüllt und es kann enden?

*
Anfang der 1950-er Jahre erschien eine seltsame Kurzgeschichte des Amerikaners Arthur C. Clarke, „Die neun Milliarden Namen Gottes.“ Ein tibetanischer Lama sucht eine US-amerikanische Computerfirma auf und bestellt einen Großrechner. Das Kloster des Lamas verfolgt seit 300 Jahren eine wichtige Aufgabe. Die Mönche glauben, es sei ihr Auftrag, die neun Milliarden Namen Gottes aufzuschreiben. Der Name Gottes besteht aus neun Buchstaben eines von ihnen entworfenen Zeichensystems. Seit drei Jahrhunderten tragen sie nun schon von Generation zu Generation die möglichen Buchstabenkombinationen in Bücher ein. Sie rechnen damit, dass dieser Auftrag in fünfzehntausend Jahren erledigt ist. Dann jedoch sei der Sinn des Lebens erfüllt, und die Welt würde aufhören zu bestehen.

Der Lama kauft also einen Großrechner; die Firma lässt ihn einfliegen und vom Flughafen Lhasa auf Eseln in die Berge des Himalajas transportieren. Zwei Techniker sollen den Rechner im Kloster installieren und die Mönche in die Bedienung einweisen. Man hat den Rechner zuvor so programmiert, dass er die Permutationen der neun Schriftzeichen ausdruckt. Die Mönche schneiden die Endlosausdrucke in Streifen und kleben sie in ihre Bücher. Während die beiden Techniker sich durch die nächtlichen Berge auf die Heimreise machen, spuckt der Computer oben im Kloster unentwegt die Namen Gottes aus. Die Techniker ahnen, dass er bald fertig sein wird und treiben ihre Esel an, denn sie fürchten den Zorn der Mönche, wenn sich die Prophezeiung nicht erfüllt. Sie werden gewiss auch ihr Geld zurückverlangen, wenn die neun Milliarden Namen Gottes aufgeschrieben sind, und die Welt besteht trotzdem weiter. Mit Angst im Nacken reiten die Männer zu Tal. Plötzlich schweigt der hintere Techniker. Der andere schaut sich um. Sein Kollege starrt zum Himmel, und wie der andere ebenso hoch in den Nachthimmel schaut, verlöschen die Sterne.

*

Foto: JvdL – Größer: Bitte klicken!


An mehreren Tagen hintereinander hat man fotografieren können, wie die aufgehende Sonne genau durch den Glockenturm der katholischen Pfarrkirche St. Michael zu Burtscheid scheint. Das wäre also auch schon geknippst. Soll ich noch rasch katholisch werden?

Musiktipp
Intervention Cover

15 Kommentare zu “Burtscheider Kursplitter XXIV – Beruf Patient

  1. ich überlegte, was wohl passiert, wenn nach Wunsch der Weltbeherrscher alle 7,5 Millliarden Menschen geimpft sind. Inzwischen weiß ich die Antwort: weiterimpfen. Dasselbe vermute ich in Bezug aufs Fotografieren.
    Übrigens habe ich mal gelesen und fand es nachdenkenswert, dass jedes Foto dem fotografierten Ort ein wenig seiner Aura raubt. Am Ende ist er leer und tot. Wieviele Fotos wird es brauchen, bis auch die Sonnenaura aufgebraucht ist?

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    • Impfen geht immer. Dass Fotografie den Motiven die Seele raube, ist eine Idee aus dem Glauben einger Naturvölker. Fotografie banalisiert die Motive, indem sie bekannt und verfügbar werden, aber mir scheint das eher ein Problem der Menschen zu sein, nicht der Objekte.

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  2. Noch nie gab es eine solche Flut an schlechten und auch lieblos geknipsten Fotos wie seit der Erfindung der sogenannten Smartphones. Dass schrillionenmal u.v.a. der Sonnenuntergang am Meer fotografiert wird, stört mich ehrlich gesagt nicht sonderlich, denn im Grunde genommen wiederholt sich keine einzige Aufnahme davon, es gibt immer Unterschiede, wenn sie manchmal auch winzig klein sind. Was mich als leidenschaftliche Fototante aber gewaltig stört, und bisweilen sogar körperlich schmerzt, das ist die mangelnde Qualität sehr vieler Ablichtungen…

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    • Fotografien mit Qualitätsanspruch drohen leider unterzugehen im Wust der achtlos geknippsten BIlder. Es ist mit allen Medien so, die durch die Computertechnologie allgemein verfügbar werden. Die Qualität sinkt, und handwerkliche Kenntnisse geraten in Vergessenheit.
      Das ist der Preis der Demokratisierung.

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  3. Ich muss gestehen, die Smartphone-Knipserei macht mir gelegentlich Spaß. Es wird dann aus allen möglichen Perspektiven aufgenommen und das Schönste aufgehoben.
    Manchmal mag ich allerdings nicht fotografieren.
    Je erhabener der Augenblick, umso weniger hätte ich Lust, ihn durch irgendetwas zu zerstören. Er wird besser pur in meiner Erinnerung aufbewahrt.
    Liebe Grüße
    Sabine

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  4. Die Geschichte in der Geschichte hat mir gut gefallen. Die Angst vor dem Untergang der menschlichen Kreativität durch das Smartphone mag ich nicht teilen. Wenn ich sehe, was hier in Berlin die junge Avantgarde damit anstellt, bin ich immer aufs Neue erstaunt.

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