Burtscheider Kursplitter XXIII – Spooky

Ich habe mir vorgenommen, nichts mehr über Hautfarben zu sagen, wenn’s nicht erforderlich ist. Doch augenfällig hier und in den Einrichtungen und Kliniken Hannovers ist, dass das Reinigungspersonal aus Schwarzafrika stammt. Einst haben die Europäer Afrikaner versklavt und ihre Bodenschätze gestohlen, jetzt kommen die Urenkel aus den abgewirtschafteten und nach wie vor ausgebeuteten Ländern her und putzen bei uns die Toiletten. Das ist rundum beschämend. Sie putzen unsere Klos, und wir beruhigen das schlechte Gewissen mit Augenwischerei, haben schon die Mohrenköpfe umbenannt und diskutieren über Mohrenapotheken und den Zwarte Piet,

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Eine Frau von der Organisation trifft einen Mann mit Rollator, begrüßt ihn freundlich und fragt:
„Geht’s Ihnen gut?“
„Danke, mir geht es gut. Wenn es noch besser ging, könnte ich es nicht aushalten.“

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Spooky
Beim Pflegestützpunkt wurde ich Zeuge einer Vorahnung. Die Krankenpflegerin fragte mich: „Wie war nochmal ihre Zimmernummer, 732?“
„Nein 632.“
Als ich ging, stand eine weitere Patientin vor der Tür. Die Pflegerin fragte: „Wie ist Ihre Zimmernummer?“
„732“, sagte die Frau.
„Es gibt keine Zufälle“, sagt Kurt Schwitters, „eine Tür kann zufallen, aber es gibt keine Zufälle.“

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Gerade hat mir eine Frau ihre Leidensgeschichte erzählt. Sie hat sich am heißen Tee verbrüht, sieben Wochen auf der Intensivstation gelegen, derweil ist ihr Enkel verstorben, und jetzt ist sie so schwach, dass sie gestützt werden muss. Nachdem der Arzt sie abgeholt hat, sagt ein ebenfalls wartender Patient, sein Rheuma sei schlimmer, denn es gebe keine Heilung, höchstens Linderung. Ich bezweifele, dass sich Leid gegeneinander aufwiegen lässt. Seneca zitiert den antiken Philosophen Bion. Der sage: „Gleich lästig ist es für solche mit Glatze wie für solche mit vollem Schopf, wenn ihnen Haare ausgerissen werden.“ Es hat ja jeder nur das eine kleine Leben.

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Eine schier unendliche Geschichte
Grundsätzlich finde ich, dass das Streikrecht ein hohes Gut ist. Im niederländischen Limburg erlebte ich einst beim Busverkehr einen Streik gegen das Transportunternehmen Venovia. Ich wollte von Aachen nach Maastricht fahren, legte im Bus einen Zehn-Euro-Schein auf den Teller, um einen Fahrschein zu kaufen. Der Busfahrer schob das Geld zurück und sagte: „Behalten Sie Ihr Geld, Mijnheer, wir Busfahrer streiken. Das hat mich so beeindruckt, dass ich diese Szene später eingebaut habe in die hier verlinkte Erzählung. Den Busfahrer lasse ich freilich französisch sprechen.

Lokführer können so fahrgastfreundlich nicht streiken. Wenn sie streiken, gibt es eine Menge Kollateralschäden. Ein Geschädigter bin ich, denn eigentlich sollte ich am 6. mit dem Zug nach Hause fahren. Mein Sohn wollte Sonntag von Leipzig anreisen, bei meiner Tochter, seiner Schwester, übernachten und mich Montag bei der Heimfahrt begleiten. Diese Konstruktion funktioniert nur am Wochenende. Folglich musste ich eine Woche Verlängerung für meine Reha beantragen. Medizinisch zu rechtfertigen ist’s allemal. Denn ich wurde erst letzte Woche erneut operiert. Vielleicht ist es sogar besser, wenn ich noch eine Woche länger auf meine Alltagstauglichkeit hinarbeite. Mit Dank an Herrn Dr. Weselsky. Denn er hat es mir abverlangt.

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Musiktipp
Arcade Fire – Ready to Start