Burtscheider Kursplitter XXI – Vom Trübsinn

Eine Raucherin vor der unteren Schwertbadtür sagt, sie habe gestern ein emotionales Tief gehabt, einen richtigen schwarzen Tag, dabei hatte sie mir am Vortag noch frohgemut zugerufen, ich sähe schon viel besser aus als direkt nach der OP und „Weiter so!“ Jetzt also Trübsinn. Ich hatte eben nach einem treffenden Synonym für emotionales Tief gesucht, und es fiel mir Trübsinn ein. Den habe ich mir offenbar eingefangen. Sie hat ihn weitergegeben wie einen Staffelstab. Bei „emotionales Tief“ wäre ich zurückgeschreckt und hätte „Uiuiui! Nein, danke“ gesagt. Aber das schöne Wort Trübsinn nahm ich an. Mal sehen, wo ich es loswerde.

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Geträumt: Eine kapriziöse Exschülerin, die ich 20 Jahre nicht gesehen habe, taucht auf und umwickelte mein gesundes Bein mit Backpapier. Danach fuhren wir Fahrrad durch hintereinander liegende Räume eines Hauses, weil die Straßen gesperrt waren. Die Tour endete, weil im letzten Raum eine Treppe abgerissen wurde.

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Physiotherapeuten-Weisheit: „Fußballspiel Verlängerung. Die Mannschaft, die miteinander spricht, verliert.“

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Mittwoch vor einer Woche
Um 9 Uhr hatte ich in der Klinik sein müssen, Coronatest und Formalitäten waren rasch erledigt, und dann heißt es warten, warten, warten. Eine Frau in weinroter Steppjacke geht den Gang auf und ab. Unmittelbar vor mir dreht sie um und geht zurück. Ich bin bald genervt und geneigt zu fragen: „Vergeht die Zeit schneller, wenn Sie auf und ab gehen?“ Zum Glück sage ich nichts, denn später ist sie vor mir dran und wird mir wünschen, nicht mehr lange warten zu müssen. Ich bin sowieso abgelenkt. Ein athletischer blonder, junger Mann kommt geschwind auf Krücken den Gang herauf, hat einen verbundenen Fuß in der Luft und setzt die Krücken raumgreifend nach vorn, wodurch er hohes Tempo aufnimmt. Er donnert vorbei. Ich schaue aus dem Fenster, habe den Blick auf eine gepflasterte Straße, die zur Rückfront der Klinik und zur Notaufnahme führt. Auf der Straße geschieht kaum etwas. Ein hellblaues Auto parkt ein, die Fahrerin und eine Frau auf dem Bürgersteig umarmen sich. Plötzlich taucht der Krückenmann auf und stürmt davon, um fünf Minuten später zurückzukehren. Jetzt hat er einen Zettel in der Hand, ist aber kaum langsamer als zuvor.
Später sitze ich mit ihm in einer Wartezone. “Ich habe Sie eben gesehen, wie Sie mit ihren Krücken davongeeilt sind.“
„Ja, ich musste einen neuen Parkschein ziehen,“
Ihm ist die Achillessehne gerissen, erzählt er. Und er habe schon mal Schrauben in einer Platte in der Schulter gehabt. Die hätten sich auch herausgedreht.
Und ich hatte vermutet, ich hätte meinen Bolzen durch Fußdrehübungen herausgedreht. Der menschliche Körper kann so etwas selbsttätig.

Musiktipp
The Thrills – Whatever Happened To Corey Haim?