Burtscheider Kursplitter XX – Pommes Schranke

Während der Kurzzeitpflege und in der Reha plagte und plagt mich ein Hunger nach Pommes. Gestern besuchte ich mit meiner Tochter und dem siebenjährigen Enkel einen Imbiss in der Fußgängerzone. Der Kleine und ich aßen Pommes. Ich sagte ihm, dass die Pommes in seiner Schale „Pommes Schranke“ heißen, wegen der Kombination Rot (Ketchup) und Weiß (Majonäse). Nach kurzer Überlegung gab er ein schönes Beispiel von Lerntransfer: „Wie heißen nochmal die Verkehrshütchen?“
„Die Kegel zum Absperren? Pylonen.“
„Also geht auch ‚Pommes Pylone‘ – oder ‚Pommes Flatterband‘.“

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Ein Jugendfreund erzählte mir, das Schützenfest in seinem Wohnort sei abgesagt gewesen. Es gab nur eine Veranstaltung des Schützenvereins auf dem Friedhof. Dahin habe kommen dürfen, wer eine Einladung hatte. Und ich dachte, auf dem Friedhof lägen nur Menschen ohne Einladung.

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Ein Krankenpfleger der Kurklinik sieht mich mit Unterarm-Gehstützen auf dem Flur. „So kurz nach der OP laufen Sie schon wieder? Sie sind wohl hart im Nehmen.“
Gut, dass es mal einer sagt, freue ich mich. Aber wie alle, die hier umher humpeln, hatte ich keine Wahl. Man muss nehmen, was kommt. Es gibt Momente, da möchte man Urlaub von sich und seinen Problemen, kurz vor und nach einer OP beispielsweise. „Einmal ein anderer sein“, lautet das neue Thema unserer Schreibgruppe. Eine gefährliche Sache, denn welchen Packen der oder die andere zu tragen hat, weiß niemand zuvor. Ich sandte unten stehenden Text aus dem Jahr 2017 ein.

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Einmal ein anderer sein
Jeden Morgen beim Aufwachen staune ich, dass ich noch da bin. Und ich staune auch, dass ich mich exakt in dem Leben wiederfinde, aus dem ich mich am Abend verabschiedet habe, als ich in den Schlaf sank. Nie wird man morgens wach und ist mal ein anderer. Für einen Tag wenigstens könnte man doch aufwachen und zum Beispiel ein Seehund sein, der einen bunten Ball auf der Nase balanciert. Und hätte ich meine Sache gut gemacht, würfe man mir vom Beckenrand köstlichen Fisch zu. Freilich wüsste man nicht, was das Seehund-Ich inzwischen mit dem menschlichen Körper anstellen würde.

Man wird wieder wach im eigenen Körper und hat den Wanst voll Fisch, dass man sich kaum noch bewegen kann. Das wäre übel, denn ich bin Vegetarier. Dann müsste ich einen ganzen Schwall Fisch in die Biotonne würgen. Was sollen die Nachbarn denken? Woher die Schlammkruste an meiner Hose käme, wüsste ich auch nicht. Am Ende würde ich noch ins Polizeipräsidium geladen, weil man mich beschuldigt, im Fluss geangelt zu haben. Ohne Angelschein! Vorsorglich stelle ich mich dumm: „Wer sagt das?“
„Angler haben Sie gesehen, wie Sie am Flussufer gekniet und mit bloßen Händen Fische gefangen haben.“
„Moment! Das ist kein Angeln. Zum Angeln braucht man eine Angelrute.“
„Ach. Wie nennen Sie denn Ihre Methode?“
„Äh, Fischen?“
„Dann haben Sie eben gegen das Fischereirecht verstoßen. Zu ihrem Glück ist das nur eine Ordnungswidrigkeit. Mit 80 Euro sind Sie dabei.“
„80 Euro?! Dieser verfluchte Seehund!“
„Welcher Seehund?“
„Ach, nichts.“
Und ich habe mich so angestrengt mit dem Ball.
[Veröffentlicht auch in Die schönsten Augen nördlich der Alpen]

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Musiktipp
The Mighty Mighty Bosstones – The Impression That I Get