Burtscheider Kursplitter XVIII – Schlimmer geht immer

Vor den Aufzügen wartend sagt die etwa 60-jährige Frau mit Unterarmgehstützen: „Ich nehme die Treppe; ich bin gerade im Flow:“ Gehbehindert sein im Jahr 2021. Unsere Großeltern hätten nicht gewusst, was gemeint ist.

Zounds! Im Flow bin ich gar nicht. Mir ist der Erzählfaden gerissen. Ich will mich erst einmal rasieren.

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Je simpler Merksätze sind, desto einprägsamer. In der physiotherapeutischen Gangschule übte ich erneut Treppauf und -abstieg, diesmal mit einem Merksatz. „Der Gute geht zum Himmel, der Böse in die Hölle.“ Will sagen, dass der gesunde Fuß die Stufen aufwärts, der wehe Fuß die Stufen abwärts nimmt. Ich hatte das zuvor schon gelernt, doch konnte es erst jetzt sicher behalten.

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Am Frühstückstisch saß ich zusammen mit einer Frau mit einem kugelrunden Bauch als wäre sie schwanger. Sie war eigentlich fertig mit ihrem Frühstück. Doch sie wollte „noch sacken lassen.“ Dabei beobachtete sie, dass ich mir ein Brötchen auf eine Weise zurecht mache, für die die Schwäbin mich verlacht, weil sie das zuvor noch bei niemanden gesehen hätte. Ich lege auf eine Brötchenhälfte zwei Scheiben Käse und deckele das mit einer Scheibe Schwarzbrot. „Wissen Sie, wie das heißt, was Sie da essen?“
„Nein.“
„In Aachen heißt das ‚Frauenbrötchen‘. Das essen die Frauen, damit sie auf’s Klo gehen können. Dann brauchen die kein Abführmittel.“
„Interessant, ‚Frauenbrötchen‘ habe ich nie gehört.“
Jetzt ist der Damm gebrochen. Ein Redeschwall ergießt sich, und ich sitze ungeschützt in der Flutzone. „Aachener essen auch Rosinenbrötchen mit Leberwurst. Ich war mal in Frankfurt zu Besuch. Da gab es Rosinenbrötchen. Ich habe Leberwurst drauf geschmiert, da sind denen fast die Augen aus dem Kopf gefallen.“
„Könnt mir nicht passieren. Ich bin Vegetarier.“
„Damit habe ich kein Problem.“
Es ging noch um ihre Hühner, aber das zu erzählen, bin ich grad zu müd‘.

*
Im Marienhospital in Burtscheid sind zwei meiner Kinder geboren. Am vergangenen Mittwoch fuhr ich dort ein zu einer einer neuerlichen OP, die ich übrigens gut hinter mir habe. Leider hat sich diese Klinik in kirchlicher Trägerschaft in den Jahrzehnten zum Massenbetrieb entwickelt. Gewaltig auch der Verwaltungsaufwand. Die Dame in der Patientenaufnahme hatte einen Bogen voller Aufkleber mit meinen Daten und klebte sie in Windeseile auf unzählige bedruckte Blätter. Trotzdem schien in dieser Organisation nicht jede(r) zu wissen, was zu tun ist. Eine Schmerzberaterin kam zu mir, als ich am dritten Tag schon im Aufbruch war. Freilich war ich auch schwer zu finden. Weil kein Platz war, lag ich auf der Frauenstation. Passt für einen, der Frauenbrötchen isst.

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Dr. Coolman
„Wieso hat das denn so stark geblutet?“, fragte ich den Chirurgen bei der Visite.
„Weil ich da reingeschnitten hab‘.“
Ich ersparte ihm den Hinweis, dass meine OP-Narben bei seinem Kollegen in Hannover fast nicht geblutet hatten. Nicht jeder ist ein Feinwerker. Und als Patient ist man ja dankbar, wenn’s gut gegangen ist.

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Musiktipp
Rammstein – Mutter performed live by russian children

13 Kommentare zu “Burtscheider Kursplitter XVIII – Schlimmer geht immer

  1. Lieber Jules (ich erlaube mir die Anrede nach mehrjähriger „stummer“ Blog-Leserschaft), nachdem ich Deine Kursplitter von I-XVIII gelesen und mit Dir durchlitten habe, muß ich die Frage stellen: Warum?
    Warum sind die Menschen so, wie sie sind – und waren sie schon immer so? Können sie überhaupt anders? Verzweifelt finde ich keine Antwort.
    Ich wünsche von Herzen Besserung und ein schnelles Ende Deiner Leiden.

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    • Lieber Friedrich,
      jedesmal, wenn sich ein „stummer“ Blog-Leser meldet, freue ich mich. Denn Kommentare und Likes sind der Lohn des Bloggers. Also herzlich willkommen und danke für die Begleitung über so viele Etappen meines Leidenswegs. Ich hoffe, es war trotz des schwierigen Themas auch unterhaltsam.
      Warum Menschen sind, wie sie sich darstellen und wahrgenommen werden? Letztlich sind wir auch nur eine Spezies aus dem Tierrreich und viel stärker von Instinkten und z.T. atavistischen Gefühlen gelenkt als der Verstand uns weismacht.
      Dankeschön für Besserungswünsche und herzliche Grüße
      Jules

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  2. Ein Käsebrötchen mit Schwarzbrot ist ja sowas von transgender. Die Frau war nicht auf dem Laufenden. Ich habe das als Kleinkind von Opa und Onkel angeschaut. Und bei uns gibt es Kroamstuten zum besonderen Anlass, das saftige Rosinenbrot wird gern mit Schinken oder Käse kombiniert. Und bevor sich nun eine Flut der Dinge ergießt, die niemanden interessieren, wünsche ich gute Besserung für Hölle – und Himmelfüße! 😊

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    • Dankeschön, dass du mir beispringst. Die Frau, die mir einen Aachener Begriff aufs Brötchen schmierte, kam noch nicht mal aus Aachen, sondern aus Geilenkirchen, und was man dort versteht, ist nicht ausgemacht.
      Dankeschön für den Gute-Besserungs-Wunsch. „Himmelsfüße“ lässt mich denken an die Himmelsklöße von Ringelnatz. 😉

      Was zum Lachen

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