Burtscheider Kursplitter XVII- Über Zungen

„Ich bin entsetzt!“, sagt meine liebste Therapeutin, die ranke blonde Frau aus Bulgarien über mein Problem mit dem herausdrehenden Bolzen, der eine OP im nahen Marienhospital nötig macht. Sie spricht perfekt Deutsch, doch ihr Akzent ist unverkennbar. „Wie auch immer“ klingt bei ihr „wie auch chimmer.“ Es ist ein faszinierend Ding, wie die Sprechwerkzeuge des Menschen muttersprachlich geformt werden, so dass sie sich kaum verändern lassen. Vor zehn Jahren erlebte ich einen chinesischen Germanisten. Da ich heute nicht wirklich den Kopf frei habe, zitiere ich einen Text vom 30. Juni 2011 aus dem Teppichhaus (nicht Teestübchen) Trithemius über den erstaunlichen Professor Dr. Li.

    Prof. Dr. phil. habil. Wenchao Li ist Leibniz-Stiftungsprofessor an der Leibniz Universität Hannover. Er ist aber auch Ehrendirektor der Leibniz-Forschungsstelle der Universität Wuhan in China. Da muss es also noch mehr chinesische Germanisten geben. Unglaublich. Aber in so einem großen Land können nicht nur Reissäcke umfallen, es kann auch passieren, dass hie und dort ein Chinese aufwächst und aus irgendwelchen Gründen sich für die deutsche Sprache, Literatur, Philosophie und Geisteskultur begeistert. Eigentlich habe ich selten jemanden erlebt, der so begeistert wirkt von seinem Fach wie Dr. Li.

    Sein Deutsch ist grammatisch perfekt und so geläufig, wie es nur sein kann. Trotzdem verstehe ich ihn schlecht, wenn er unten im Hörsaal steht und den Dozenten der Vorlesung vorstellt. Seine Sprechwerkzeuge sind nicht für deutsche Laute gemacht, so wie meine nicht für Kantonesisch. Aber auch das gehört zu dem Gesamtkunstwerk, das ich in den letzten Wochen mittwochs genießen darf. Mein junger Freund Leistöne ist Literaturstudent und schleppt mich manchmal mit zu einer Ringvorlesung.

    Beeindruckend ist die Freundlichkeit, mit der Dr. Li die jeweiligen Dozenten vorstellt und ihre Bedeutung für die Wissenschaft heraushebt. Im Hörsaal sitzen nur wenige Studenten. Die meisten sind Fachkollegen, die die Bedeutung zu würdigen wissen. Wer sich täglich mit weltbewegenden Fragen beschäftigt, mit der lauten und zuweilen schrillen, uneigentlichen medialen Gegenwart, der findet hier die Gegenwelt, ein Universum des Wissens über kleine Aspekte vergangener Literatur und Geistesgeschichte. Da wird akribisch jeder Brief der alten Dichter und Denker ausgewertet, interpretiert und in Zusammenhänge gestellt, neue, bislang unbeachtete Bezüge tun sich auf, werden diskutiert und gewichtet.

    Was aus der Ferne belanglos erscheinen mag, zeigt sich aus der Nähe als das brennende Interesse am Authentischen. Es geht um Hingabe und mithin um Lebenskunst. Aber diese Lebenskunst ist nicht elitär, denn die Tür zum prachtvollen Universitätsgebäude und darin zum wunderschönen alten Hörsaal steht jedem offen. Es ist ein Genuss, in diesen dunkel gebeizten Bänken zu sitzen, den Pultdeckel herunterzuklappen und gut aufzumerken, um den lächelnden Dr. Li zu verstehen, wie er sich vor Begeisterung in seinem geistigen Universum zu verlieren droht, bevor er dem hoch gelobten Dozenten die Bühne freigibt. Dann die Spannung, was der Dozent vortragen wird und vor allem wie? Dass der Schleimer aus dem Kundenlautsprecher im Supermarkt besser, sauberer und eindrucksvoller über das Erbsenkonservensparangebot spricht als ein Wissenschaftler über die Herausbildung des deutschen Kulturbewusstseins, ist surreal, aber auch bezeichnend für den geistigen Zustand unserer Gesellschaft.

Soweit mein Versuch, auf andere Gedanken zu kommen. Am Montag rücke ich in die Klinik ein und hoffe, dass der minimalinvasive Eingriff rasch gemacht und überwunden ist. Meine Therapeut*Innen erwarten mich zurück, und ich möchte nicht die Kraft verlieren, die ich in den vergangenen Wochen aufgebaut habe. Ich wollte mal für kurze Zeit zur Kur in die alte Heimat zurück. Jetzt bekomme ich sie bis zum Überdruss. Eventuell gelingt es mir danach, Hannover endlich als Heimat zu akzeptieren, wenn auch meine rheinische Zunge das Gegenteil vermuten lässt.

Musiktipp
dEUS
Eternal Woman

11 Kommentare zu “Burtscheider Kursplitter XVII- Über Zungen

  1. Noch eine OP, pfui Teufel. Aber sie ist ja nur klitzeklein, danach geht es dann schneller aufwärts.
    Über die muttersprach-adäquat, aber fremdsprachen-inadäquat geformten Sprechwerkzeuge habe ich auch zu klagen. Das Deutsche dringt immer noch durch, obgleich ich 40 Jahre in Hellas lebe. Die Grenze des akzentfreien Sprechens einer Nichtmuttersprache scheint bei 21 Jahren zu liegen.

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    • Ja, sowas braucht niemand. Es sei keine große Sache, meint der Arzt, in 40 Minuten getan am Do. Danach könne ich die Reha fortsetzen, so hoffe ich. 40 Jahre sind eine lange Zeit zum Üben. Für griechische Vokalverbindungen und Konsonantenfolgen bin ich ungeeignet. Hier ist eine Therapeutin mit griechischem Namen, den ich einfach nicht sauber aussprechen kann.

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