Burtscheider Kursplitter XV – Der Weg der Fußlahmen

Ich leide am unüberwindlichen Widerwillen, zur Mittagszeit mit „Mahlzeit!“ zu grüßen. „Mahlzeit!“ will mir einfach nicht über die Lippen. Auch die ironische Wendung „Na, dann prost Mahlzeit“ gehört nicht zu meinem aktiven Wortschatz. In der Klinik ist „Mahlzeit“ üblich. Wer den Speisesaal betritt, muss „Mahlzeit“ sagen oder wird gnadenlos mit „Mahlzeit!“ begrüßt. Warum bin ich nur so verstockt? Mir scheint, „Mahlzeit“ gehört zur Prollkultur wie das „Manni“ – Schild hinter der Windschutzscheibe eines Trucks oder „Das perfekte Promi Dinner.“ In einer besseren Welt, würden Logopäden solchen wie mir „Mahlzeit“-Kurse geben. In einer noch besseren Welt wäre „Mahlzeit“ schlicht unbekannt.

Es ist nicht wahr, dass ich neuen Grußsitten nicht aufgeschlossen wäre. In der Kur am Starnberger See habe ich sogar „Grüß Gott“ und Schlimmeres sagen gelernt. Als ich beispielsweise am Samstagmorgen den Waschraum aufsuchen wollte, da habe ich vor der Tür tief Luft geholt, bin eingetreten und habe ein forsches „Servus“ in die Runde der waschenden Bayern beiderlei Geschlechts geschmettert. Mein „Servus!“ muss ziemlich überzeugend geklungen haben, hatte sich buchstäblich gewaschen, weil nämlich einer sagte: „Oha! Do kimmt dea Chef!“

Ein Chef bin ich leider ganz und gar nicht, sondern Patient. Das bedeutet, dass jeder in mich hineinpieksen kann, mir Blut abnehmen, mich hierhin oder dahin beordern, und wenn man will, werde ich so lange durch die diagnostische Mühle gedreht, bis noch etwas gefunden wird, was mich zum Dauerpatienten macht. Darum fällt mir immer wieder ein, wie Ambrose Bierce das Wort Diagnose erklärt:

    „Diagnose, die – Ärztliche Kunst; besteht darin, den Gesundheitszustand der Börse eines Patienten festzustellen, um zu wissen, wie krank man ihn machen darf.“ (aus: Des Teufels Wörterbuch)

Heute Morgen war ich zwischen sieben und acht Uhr zur Blutabnahme bestellt. Da saßen schon ein Dutzend andere, die noch früher als ich gekommen waren. Dabei war ich um 5 Uhr aufgestanden, um nicht in Zeitnot zu geraten. Pro Patient dauerte die Prozedur fünf bis acht Minuten, weil man einerseits einen Raum möglich weit vom Wartebereich gewählt hatte, so dass der Weg hin und zurück schon mindestens zwei Minuten kostete. Zudem gibt es Patienten, bei denen das Blut nicht fließt, wie ich bei meinem Vorgänger sah. Dreimal musste die Pflegekraft stechen, um einen ergiebigen Blutstrom zu finden. Trotzdem dauerte es quälend lange, bis er das popels Röhrchen voll geblutet hatte. Jedenfalls kam ich zu spät zum Frühstück und musste mich vor den Tisch abräumenden Damen noch rechtfertigen. Den Tag über humpelte ich der Zeit hinterher.

Bei der klassischen Massage unterhielt ich mich so angeregt mit der Therapeutin, einer schönen Bulgarin mit weichem Akzent, über ihr Radsporthobby, dass sie vergaß, mich rechtzeitig freizugeben. Derweil sie immer weiter massierte, verpasste ich die mechanische Lymphdrainage. Als sie mir erzählte, sie habe bei einer Radtour durch die Eifel in einem versteckten Tal den kleinen Ort Simonskall entdeckt, ging mir das Herz auf.
„Da bin ich manchmal durchgefahren, als ich noch jung und knackig war.“
„Sie sind doch immer noch knackig“, meinte sie. O wie schön! Dafür lasse ich gern jede Lymphdrainge sausen, ob manuell oder maschinell.

Musiktipp
Russian Rammstein
Du riechst so gut