Burtscheider Kursplitter XIII- Bartwuchs im Wartestand

Bei der Physiotherapie liege ich vom benachbarten Behandlungsraum nur durch einen Vorhang getrennt und muss die komplette Leidensgeschichte einer Patientin mit anhören, bis meine Therapeutin sich erbarmt und als eine Sorte Gegenschall von ihrem Leben im von ihr ungeliebten belgischen Dorf Raeren erzählt, wo sie seit 40 Jahren lebt, aber immer noch als Zugereiste gilt.

Die Frau nebenan ist fertig mit ihrem Lamento und berichtet jetzt von ihrer häuslichen Pflegekraft, einer 19-jährigen Frau aus dem Kongo, die mit ihrer Waschmaschine „gewaschen“ habe, ohne den Wasserzulauf aufzudrehen und ohne Waschmittel einzufüllen. Anschließend habe sie die noch schmutzige Wäsche in den Trockner gestopft. Geputzt habe sie die komplette Wohnung, drei Zimmer, Küche, Diele, Bad, mit zwei Litern Wasser im Fünf-Liter-Putzeimer. Am Ende habe die Patientin der wassersparenden Pflegekraft gesagt: „Sollen wir von dem Rest noch Kakao verkaufen?“

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Dann hören wir doch lieber, wie es in Raeren zugeht. Ein Aldi-Supermarkt im Ort habe schließen müssen, weil die dünkelhaften Raerener lieber zu entfernten Discountern gefahren wären, damit die Nachbarn nicht sähen, dass sie bei Aldi einkaufen würden.

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„Wie kann es sein, dass Leute an der Kasse bei Aldi, Lidl oder Penny just im Moment des Bezahlens ein weltbewegendes Gespräch mit ihrem Smartphone führen müssen?“, fragt sich beim Frühstück ein Mann am Nebentisch.

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Jeden Morgen, wenn ich in den Spiegel schaue, ist mein Bart wieder ein bisschen länger geworden. Wenn mir daran gelegen wäre, einen langen Bart zu tragen, könnte ich mich nicht beklagen. Meine Fraktur heilt nur langsam, aber mein Bart wächst stärker denn je. Wieso kann sich mein Bart nicht merken, dass er pausieren soll? Das ist doch ein Fehler in der Evolution. Schiebt unverdrossen jeden Tag mein Bestes nach draußen, und ich muss teure Rasierklingen und Barthobel kaufen. Sogar ein Bartschneidegerät erstand ich mal in Rossmanns Ideenwelt. Zounds! Dass Herr Rossmann solch gute Ideen hat. Aber dass der Bart stoisch weitermacht, obwohl ich den Bartschneider nicht mit in die Kur genommen habe, ist doch frech. Typisch Bärte.

Ich habe in Aachen mal einen jungen Mann gesehen, der hatte einen mächtigen gezwirbelten Schnauzbart. Wenn man einen Schnauzbart jahrelang wachsen lässt und immer schön zwirbelt, nachdem man ihn durch den Buttertopf gezogen hat, kann man ihn so stolz vor sich hertragen wie dieser Passant auf dem Münsterplatz. Er ging stark nach vorn gebeugt, als hätte der Schnauzbart ein ordentliches Gewicht. Vielleicht hatte der Schnauzbart dem Mann befohlen: „Los, trag mich ein bisschen durch die Stadt!“, und um den Mann zu ärgern, hat sich der undankbare Schnauzbart extra schwer gemacht.

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Moment, ich muss mal ein weltbewegendes Telefongespräch führen, nämlich einen Friseurtermin machen. Es dauert. Und dann Fehlanzeige! Ich erfahre: Wegen der Corona-Hygienebestimmungen dürfen Friseure derzeit keine Bärte stutzen. Klar, verständlich! Man weiß ja, dass Bärte die Haupttreiber des Pandemiegeschehens sind.

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Derweil mein Bart wächst und wächst, führe ich ein Leben der unerledigten Dinge. Am Sonntag wollte ich waschen. Als ich meine Wäsche zusammenklaubte, hoffte ich, dass wenigstens eine der beiden Waschmaschinen im Waschraum frei wäre, denn ich hätte wenig Lust, mit meinen beiden Wäschebeuteln unverrichteter Dinge wieder abzuziehen. Vor lauter Sorge vergaß ich meine Schlüsselkarte und sperrte mich aus. Also erst mal zur Rezeption, um die Öffnung meiner Tür zu erbitten. Die Wäsche ließ ich vor dem Waschraum, denn ich hatte wenig Lust, mich in der Cafeteria mit zwei Beuteln schmutziger Wäsche zu zeigen, dass man denken könnte, der hat wohl am Sonntag nichts Besseres zu tun als seine Wäsche zu püngeln. Dem ist ja nichts heilig. Als mich eine Pflegerin mit der Türöffnerkarte errettet hatte, konnte ich trotzdem nicht waschen. Das Kartenlesegeräte war ausgefallen. Hilflos starrte ich auf das tote Kartenlesegerät, trauerte dem Münzbetrieb nach, ließ meine Wäsche in der Waschmaschine und hoffte auf Nachbesserung am Montag.

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Heute rief ich vergeblich beim LBV an, um meine Sache zu klären (Teestübchen berichtete). Die zuständige Dame war erneut nicht zu erreichen. Man versprach einen Rückruf. Der kommt und kommt nicht, erreicht mich, wenn überhaupt, heute Nachmittag, derweil ich im Drogistenmarkt in der Schlange stehe und gerade Bartschneideutensilien bezahlen will.

Musiktipp
TULIA

5 Kommentare zu “Burtscheider Kursplitter XIII- Bartwuchs im Wartestand

  1. Du könntest anfangen zu Singen, schief und mit frei erfundenem Text, und auf Nachfrage dann „akustische Notwehr“ antworten.
    Mein maßangefertigter, von aussen quasi unsichtbarer Gehörschutz rettet mich oft und hält zumindest die Hälfte der Welt draussen…
    Was deinen Bart angeht: auch nach einer Chemothetapie wächst der Bart meist schneller und kräftiger als das Kopfhaar nach (hochkämmen funktioniert aber nur begrenzt gut 🤣)
    Einen schönen Tag dir!

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    • Ehrlich gesagt, möchte ich kein Lamento zersingen, den hier hat jede ihre Leidensgeschichte. Man will sie nicht unbedingt hören, aber sie muss erzählt werden. Eine Therapeutin wies darauf hin, dass manche niemanden haben, der ihnen zuhört. Heute habe ich mich mit Krücken zum Drogistenmarkt gekämpft und einen Barttrimer gekauft. Morgen wird geschert.

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      • Du hast völlig recht, mein Vorschlag war auch eher imaginativ zum inneren Druckabbau als zur tatsächlichen Umsetzung gedacht.
        Allerdings ist dort, wo eben andere zuhören, ein bisschen Abschottung durchaus legitim, finde ich.

        Viel Erfolg beim Scheren. Ich stelle mir dich dabei als invertierter Schäfer-Schaf-Zentaur vor 😂

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  2. Die vier Damen auf dem Musikvideoumschlag zeigen erfreulich bartlose Gesichter. Vielleicht können sie Dir einen Tipp geben?
    Bekanntlich wachsen Bärte und Nägel auch an Toten gerne weiter. Warum nicht an Rekonvaleszenten?
    Deine mitgehörten Gespräche sind Weltstoff. Freu dich über dein gutes Gehör!
    Und komm bald da raus!

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