Burtscheider Kursplitter XII – Zum Schluss Andrea Berg

„The saddest thing that I’d ever seen Were smokers outside the hospital doors“, [Das Traurigste, was ich je gesehen hatte Waren die Raucher vor den Krankenhaustüren] singt Tom Smith, der Frontmann der Indie-Band Editors mit seiner prächtigen Bariton-Stimme. Solche traurigen Raucher sehe ich immer, wenn ich die Klinik über die talseitige Tür verlasse. Man gewöhnt sich daran. Das Traurigste, was ich in der Kur hörte, war ein sehr dicker Mann auf Krücken, der sich über die Tische hinweg unterhielt mit zwei Frauen über die Florian-Silbereisen-Show vom Samstagabend. „Helene war nicht da. Aber zum Schluss kam Andrea Berg.“

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Ich dachte schon, die sieben Wochen in Pflegeheimen hätten mich leutscheu gemacht, dass es mir nicht gelingt, in der Kur Gesprächspartner*innen zu finden, aber wenn das die Themen sind, auf die ich mich einlassen müsste, liegt es nicht nur an mir.

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Doch es geht noch schlimmer. Wer nämlich verinnerlicht hat, dass er Patient ist, dessen Krankheit wird zum alleinigen Lebens- und Gesprächsinhalt. Das könnte man noch verstehen, aber wenn die eigene Geschichte nicht reicht, wird die der Oma, Tante und entfernter Verwandten, ja, die von Nachbarn oder Wildfremden ausgepackt. Einmal in einer anderen Kur saßen ein paar Schrateltanten bei mir am Tisch. In ihrer Mitte eine neu Angekommene, ein 24-jähriges Küken, das sogleich die Gesprächsführung an sich gerissen hatte. Guckte frech in die Runde und fragte: „Weshalb sind Sie denn alle hier.“ Ich stöhnte: „Ach, nein, das wollen wir doch gar nicht hören!“ Aber sie blieb unbeeindruckt, denn eigentlich sollte ihre Frage nur der Auftakt für sie und ihre Leidensgeschichte sein. Jeder redet über seine Malaisen und keiner hört zu, außer ich, aber nur halb. Hier die boshafter Weise nur halb- oder missverstandenen Gesprächsfetzen von den Tischen, Auftakt das Küken, gefolgt von weiteren:

Ich wurde schon 14mal an Krücken operiert. Deshalb wollte ich nicht mit dem Bikini ins Schwimmbad gehen. Mein Freund sagt: ‚ Quatsch, du gehst ins Wasser, und wenn du richtig untertauchst, sieht dich keiner.’“

„Ich gönn mir 5000 Kalorien weniger. Das ist nicht einfach für mich. Gestern hätt ich in eine Metzgerei einbrechen können. Aber was ich gesagt habe, das ziehe ich auch durch. Bei manchen Dingen transpariere ich, bei manchen transpariere ich nicht. So sind wir im Ruhrgebiet. Harznäckig wie Keuchhusten.

„Meine Axt sagt: ‚Sie müssen am Tag 30 Liter trinken. Ich kann das nicht wegen meiner Allergie.’“

„Ich muss Stützstrümpfe tragen, weil ich hab Mineralwasser in den Beinen, aber Medium.“

Der Notarzt hat dann schlimme Leberwurst bei mir diagnostifikatriert.

„Ich frage: Wird es ein Junge oder ein Mädchen, Herr Doktor? Sagt der Arzt: ‚Es wird ein Rollator.’“

„Und da habe ich mich bei der Stationsärztin beschwert: Frau Doktor, wieso kriegen wir in der Schluckgruppe nur Sprudel? Wenn man sich mal auf was freut.“

„Mir haben ja alle was weg. Meiner Schwiegermutter haben sie vierzig Meter vom Darm herausgenommen.“

„Dat kann ich nicht. Meine Kniescheiben sitzen auf dem Mond. Meine Schwester auch, wir sind beide ballaballa!“

Musiktipp
Editors – Smokers Outside The Hospital Doors