Burtscheider Kursplitter XI – In der Versorgungslücke

Für alle Lebensumstände, die behördlich geregelt werden, gibt es Routinen und Formblätter. An anderer Stelle habe ich das Formular schon gelobt:

    „Das Formular [ist] eine soziale Errungenschaft, ein Triumph von Recht und Demokratie. Es verspricht Gleichbehandlung nach allgemein bekannten Vorschriften. Würde ich lieber bei den abweisenden Unterbeamten der übermächtigen Bürokratie eines Despoten vorsprechen und Bücklinge machen, damit man mich anhört? Da wüsste ich nicht einmal die devoten Wendungen und Floskeln, sie gnädig zu stimmen.“
    aus: Bückling vor dem Formular

Nur für meinen Fall gibt es keine Routinen. Wer nach einem Klinikaufenthalt zur Rehabilitation in eine Kureinrichtung muss, für den organisiert der Sozialdienst der Klinik eine sogenannte „Anschlussheilbehandlung.“ Wen die Klinik aber nach einer OP schon entlässt, bevor er rehafähig ist, der kann sehen, wo er bleibt. Als ich nach sieben langen Wochen endlich auftreten durfte, mithin rehafähig war, fühlte sich die Klinik nicht zuständig. Man wusste auch nicht, wie in meinem Fall zu verfahren war. Vermutlich war ich der erste Mensch mit einer Unterschenkelfraktur, ganz gewiss hat sich vor mir noch kein Mensch die Haxen gebrochen. (Von Autogrammwünschen bitte ich abzusehen.) Der ratlose Klinik-Chefarzt holte sich in meinem Beisein telefonisch Rat und befand, der Hausarzt müsse für mich die Rehabilitation beantragen.

Beim Landesamt für Besoldung und Versorgung (LBV), dem für mich zuständigen Kostenträger, teilte man mir telefonisch mit, es gebe kein Formular, der Antrag müsse formlos gestellt werden. Der in der Kurzzeitpflege für mich zuständige Hausarzt war damit überfordert und fuhr erst einmal in Urlaub. Seiner Vertreterin musste ich den Antrag selbst formulieren, damit meine Lebensgefährtin ihn noch rechtzeitig in der Praxis abholen konnte. Ich faxte den Antrag ans LBV und wähnte mich auf der sicheren Seite.

Allerdings war eine Dame in dieser Behörde der Meinung, ich hätte nicht die nötigen Kratzfüße gemacht. Obwohl im Antrag der Ärztin meine Pflegeheim-Adresse angegeben war, schrieb mir Frau LBV an meine Heimatadresse, also an einen seit zwei Monaten toten Briefkasten. Nachdem ein rühriger Nachbar ihn gefunden hatte, schickte er mir den Brief in die Reha. Daraus erfuhr ich, dass die Reha noch nicht genehmigt sei, weil ein formloser Antrag von mir fehle. Ich hätte die Genehmigung abzuwarten, bevor ich die Reha antrete. Eine nachträgliche Genehmigung sei nicht möglich.

    Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. (Franz Kafka, Der Prozess)

Ich hatte eine schlaflose Nacht, habe am Samstag eine Erklärung hingeschickt, die am Montag mein ältester Sohn noch hinfaxen will, und harre jetzt der Dinge. Eventuell bleibe ich auf den Kosten sitzen, glücklicherweise, denn stehen kann ich noch nicht gut.

Musiktipp
Arcade Fire Intervention