Burtscheider Kursplitter VIII – Gangschule

Hier stand zuvor etwas anderes, immer wieder habe ich alles gelöscht bis auf die Zeilen, die noch zu lesen sind. Mein Schreiben glich dem Pflügen eines steinigen Ackers. Das Gespann wollte nicht – es bestand vermutlich aus Pferd und Ochse, und die bringen ja bekanntlich am Ende der Furche das Geschirr durcheinander. Während ich schrieb, ging hinter mir die Tür auf und die Frau vom Reinigungsdienst fing mit Putzen an. Die Tür zum Flur ließ sie offen. Dort unterhielten sich zwei Frauen und brachten mich vollends durcheinander. Erstens bekomme ich ein schlechtes Gewissen, wenn in meiner Gegenwart gearbeitet wird, derweil ich nur langsam tippe, und zwar nach dem polizeibekannten Terroristensystem:

    „Jede Sekunde ist mit einem Anschlag zu rechnen.“

und zweitens bin ich nicht stoisch genug, zwei Frauenstimmen auszublenden. Vermutlich könnte ich zwei Männerstimmen im Dialog eben so wenig ignorieren. (Das musste geschrieben werden, damit man mir nichts nachsagt.)
„Sport macht die Gelenke kaputt“, sagt die eine Frau. „Ich meine Leistungssport, wie ich ihn betrieben habe. Ich habe in meiner Jugend für Olympia geturnt und bekomme jetzt die Quittung, neues Hüftgelenk, zwei Knieprothesen. Die haben übrigens viel mehr geschmerzt als die Hüftprothese. Doch ich lasse mich nicht unterkriegen. Mein Wahlspruch: Wenn das Leben dir Zitronen gibt, mach Limonade draus.“ Das amüsiert die andere, aber ich weiß, dass die Zitronenlimonade geklaut ist. So heißt ein Buchtitel der US-amerikanischen Autorin Virginia Euwer Wolff.

*

Falls es interessiert: Warum bringt das ungleiche Gespann Pferd und Ochse das Geschirr durcheinander? Ein Bauer hat es mir erklärt. Als im Krieg die meisten Pferde eingezogen waren, musste er den verbliebenen alten Gaul mit einem Ochsen zusammen spannen. Der Ochse geht im Joch, zieht mit der Stirn, während das Pferd im Halfter geht. Ziehst du am Zügel, dreht der Ochse nur gleichmütig den Kopf und bequemt sich erst nach einer Weile zur Richtungsänderung. Das Pferd aber will auf der Stelle wenden. Folge: Kuddelmuddel im Geschirr.

*

Chefarztvisite. Herr Doktor verfügt, dass ich Unterarm-Gehstützen, landläufig Krücken, bekomme und der nächste Physio-Termin „Gangschule“ ist. Die Flämin lässt mich gehen, lacht mich an und sagt: „Sie dürfen nicht nachdenken. Ich weiß, dass fällt Ihnen schwer. Aber wenn Sie nachdenken, kommen Sie aus dem Tritt. Mir fällt der Radio-Spot der Belgischen Eisenbahn ein. Da preist eine Frau das Reisen mit der Bahn. Schon kann ich zur Freude meiner Therapeutin ein bisschen Flämisch sprechen:

    „O het is zalig, om aan niks te mutte denke,
    daar kan ik lekker ontspannen.“
    [O es ist wunderbar, an nichts denken zu müssen.
    Da kann ich mich schön entspannen.]

Entspannend ist das Gehen mit der Unterarmstütze nicht. Dann aber darf ich Runden gehen durch alle Gänge des großen Therapiebereichs. Wir sind ganz allein. Niemand beobachtet meine Gehversuche. Wenn ich nachdenke, falle ich in den Passgang. Gehirn ausschalten, und ich komme hurtig voran. (Hoffentlich offenbart sich da nicht ein Lebensprinzip.) Hernach öffnet Frau J. die Tür zu verwinkelten Gängen, die dem normalen Rehabilitanten verboten sind. Wir gelangen ins „Mitarbeitertreppenhaus.“
„Ist das Ihr Ernst, Frau J.? Ich soll mit Krücken Treppensteigen?“
„Na, klar. Das können Sie!“
Konnte ich auch. Auf und ab.

*

Ein dünner Mann läuft umher, stelzt mit nackten Beinen hurtig dahin, nackte Füße in Sandalen, ein ultrakurzes Höschen, ein offenes Shirt mit weitem Halsausschnitt und weiten Armlöchern. Angezogen wirkt er nicht, eher halbnackt, was irgendwie nackter wirkt als nackt. Er verstößt so auffällig gegen den unausgesprochenen Reha-Dresscode, nach dem die Männer knielange Sporthosen zu festen Sportschuhen tragen. Zum Abendessen sitzt er in meiner Blickachse, und ich sehe in das traurige Gesicht eines alt gewordenen Kindes.

*

„Ich bin immun. An mich gehen die Viren nicht ran. Die haben auch ihren Stolz“, ruft der fidele Beinprothesenträger.

*
Musiktipp
Stromae

12 Kommentare zu “Burtscheider Kursplitter VIII – Gangschule

  1. Ich musste an diese Geschichte von dem Tausendfüßler denken – war die von James Krüss? – der solange perfekt gehen konnte, bis ihm jemand sagte, wie perfekt er seine tausend Füße setzte. Da fiel ihm das selber zum ersten Mal auf, und er dachte darüber nach, wieso das so perfekt war – und es klappte plötzlich gar nichts mehr.
    Du hast nur zwei. Die vertüddeln sich nicht. Du schaffst das!

    Gefällt 2 Personen

  2. Lieber Jules, wie du es immer wieder schaffst so viele schöne Sätze und interessantes gleichermaßen in einem Blog Artikel zu bekommen. Ochse und Pferd war interessant und das Zitat mit den Anschlägen kann ich mir hoffentlich merken. Herzliche Grüße und Toi toi toi mit den Krücken.

    Gefällt 1 Person

  3. Lieber Jules,
    Dein Anschlagsystem ist mir als „Partisanensystem“ noch aus dem Schreibmaschinenunterricht geläufig: jeden Tag einen Anschlag, na ja…Du schaffst schon mehr. Gerne nebenbei gelesen, was es mit Ochs und Pferd im Gespann auf sich hat. Nun hast Du also zwei Gehilfen, nein, ich meine natürlich Geh-Hilfen, das andere passt aber auch. Treppensteigen mit den Viechern ist eine Herausforderung, immer erst mit dem gesunden Bein vor, lernte ich und dann wie beim Tango nicht zu denken, sondern einfach zu tanzen. Denkst Du beim Tango, zack! Knoten in den Füßen. Denkst Du an Deine Gehilfen, meutern Deine Füße und Zack! Gordische Gehhilfengemengelage.
    Der dünne Prothesenmann beschäftigt mich noch…ich kenne solche traurigen alten Kindergesichter auch. Oft sind es sehr einsame Leute.
    Gerne bei Dir gewesen und gelesen, nun bitte sollst Du weiter genesen.
    Liebe Grüße
    Amélie

    Gefällt 1 Person

    • Das „Partisanensystem“ ist ja noch langsamer als ich, liebe Amélie. Danke für den HInweis auf die Gehilfen. Ich werde sie wohl taufen müssen. 😉 Über Schreiben wie Pflügen nur mit dem Ochsen habe ich doch schon mal geschrieben oder? Wills nächstens wiederholen. An Tango und pberhaupt Tanzschritte wage ich gar nicht zu denken. Bin froh, einige Schritte ohne Gehhilfe zu schaffen. Den dünnen Halbnackten hörte ich gestern erstaunlich mannhaft sprechen. Danke für deinen Besuch.
      Lieben Gruß
      Jules

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