Burtscheider Kursplitter VIII – Gangschule

Hier stand zuvor etwas anderes, immer wieder habe ich alles gelöscht bis auf die Zeilen, die noch zu lesen sind. Mein Schreiben glich dem Pflügen eines steinigen Ackers. Das Gespann wollte nicht – es bestand vermutlich aus Pferd und Ochse, und die bringen ja bekanntlich am Ende der Furche das Geschirr durcheinander. Während ich schrieb, ging hinter mir die Tür auf und die Frau vom Reinigungsdienst fing mit Putzen an. Die Tür zum Flur ließ sie offen. Dort unterhielten sich zwei Frauen und brachten mich vollends durcheinander. Erstens bekomme ich ein schlechtes Gewissen, wenn in meiner Gegenwart gearbeitet wird, derweil ich nur langsam tippe, und zwar nach dem polizeibekannten Terroristensystem:

    „Jede Sekunde ist mit einem Anschlag zu rechnen.“

und zweitens bin ich nicht stoisch genug, zwei Frauenstimmen auszublenden. Vermutlich könnte ich zwei Männerstimmen im Dialog eben so wenig ignorieren. (Das musste geschrieben werden, damit man mir nichts nachsagt.)
„Sport macht die Gelenke kaputt“, sagt die eine Frau. „Ich meine Leistungssport, wie ich ihn betrieben habe. Ich habe in meiner Jugend für Olympia geturnt und bekomme jetzt die Quittung, neues Hüftgelenk, zwei Knieprothesen. Die haben übrigens viel mehr geschmerzt als die Hüftprothese. Doch ich lasse mich nicht unterkriegen. Mein Wahlspruch: Wenn das Leben dir Zitronen gibt, mach Limonade draus.“ Das amüsiert die andere, aber ich weiß, dass die Zitronenlimonade geklaut ist. So heißt ein Buchtitel der US-amerikanischen Autorin Virginia Euwer Wolff.

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Falls es interessiert: Warum bringt das ungleiche Gespann Pferd und Ochse das Geschirr durcheinander? Ein Bauer hat es mir erklärt. Als im Krieg die meisten Pferde eingezogen waren, musste er den verbliebenen alten Gaul mit einem Ochsen zusammen spannen. Der Ochse geht im Joch, zieht mit der Stirn, während das Pferd im Halfter geht. Ziehst du am Zügel, dreht der Ochse nur gleichmütig den Kopf und bequemt sich erst nach einer Weile zur Richtungsänderung. Das Pferd aber will auf der Stelle wenden. Folge: Kuddelmuddel im Geschirr.

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Chefarztvisite. Herr Doktor verfügt, dass ich Unterarm-Gehstützen, landläufig Krücken, bekomme und der nächste Physio-Termin „Gangschule“ ist. Die Flämin lässt mich gehen, lacht mich an und sagt: „Sie dürfen nicht nachdenken. Ich weiß, dass fällt Ihnen schwer. Aber wenn Sie nachdenken, kommen Sie aus dem Tritt. Mir fällt der Radio-Spot der Belgischen Eisenbahn ein. Da preist eine Frau das Reisen mit der Bahn. Schon kann ich zur Freude meiner Therapeutin ein bisschen Flämisch sprechen:

    „O het is zalig, om aan niks te mutte denke,
    daar kan ik lekker ontspannen.“
    [O es ist wunderbar, an nichts denken zu müssen.
    Da kann ich mich schön entspannen.]

Entspannend ist das Gehen mit der Unterarmstütze nicht. Dann aber darf ich Runden gehen durch alle Gänge des großen Therapiebereichs. Wir sind ganz allein. Niemand beobachtet meine Gehversuche. Wenn ich nachdenke, falle ich in den Passgang. Gehirn ausschalten, und ich komme hurtig voran. (Hoffentlich offenbart sich da nicht ein Lebensprinzip.) Hernach öffnet Frau J. die Tür zu verwinkelten Gängen, die dem normalen Rehabilitanten verboten sind. Wir gelangen ins „Mitarbeitertreppenhaus.“
„Ist das Ihr Ernst, Frau J.? Ich soll mit Krücken Treppensteigen?“
„Na, klar. Das können Sie!“
Konnte ich auch. Auf und ab.

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Ein dünner Mann läuft umher, stelzt mit nackten Beinen hurtig dahin, nackte Füße in Sandalen, ein ultrakurzes Höschen, ein offenes Shirt mit weitem Halsausschnitt und weiten Armlöchern. Angezogen wirkt er nicht, eher halbnackt, was irgendwie nackter wirkt als nackt. Er verstößt so auffällig gegen den unausgesprochenen Reha-Dresscode, nach dem die Männer knielange Sporthosen zu festen Sportschuhen tragen. Zum Abendessen sitzt er in meiner Blickachse, und ich sehe in das traurige Gesicht eines alt gewordenen Kindes.

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„Ich bin immun. An mich gehen die Viren nicht ran. Die haben auch ihren Stolz“, ruft der fidele Beinprothesenträger.

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Musiktipp
Stromae