Burtscheider Kursplitter VII – Im Aufzug

Zu den Wesensveränderungen durch den Schlaganfall gehört bei mir die gelegentlich versagende Impulssteuerung. So muss ich bei manchen Filmszenen weinen, beispielsweise bei der Auflösung einer Konfliktsituation. Ende gut – alles gut, und ich heule wie ein Schlosshund. Heute Morgen beim Frühstück überfiel es mich, meine Situation zu beweinen. Glücklicherweise bekam ich den Impuls rasch in den Griff, denn mein Blick fiel auf einen fidelen Mann Ende 40, der eine Beinprothese hat. Er verströmt gute Laune, ist hilfsbereit und liebenswürdig und bewegt sich so behände auf seiner Prothese, dass man meinen könnte, sie wäre eine Verbesserung der Form, sich auf zwei Beinen zu bewegen.

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Gestern Abend besuchte ich die freie Sprechstunde. Ich zog meinen rechten Laufschuh aus, um der Ärztin zu zeigen, wo die Schrauben in meiner Fessel ein wenig erhaben hervortreten und manchmal schmerzen. Nachher zog ich den Schuh nachlässig wieder an und stopfte die Schnürsenkel seitlich in den Schuh. So wollte sie mich aber nicht fortlassen, sondern ging hinab, um den Schuh zu binden. Ich sagte: „Entschuldigte Sie bitte! Das habe ich nicht gewollt.“
„Sie meinen, dass ich vor Ihnen auf die Knie gehe.“ Manche genießen ja so etwas.

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Meine liebste Therapeutin machte mit mir Fußgymnastik, was noch nie jemand zuvor getan hat. Um mir zu zeigen, wie ich die Zehen spreizen, strecken und krallen sollte, zog sie Schuh und Söckchen aus und offenbarte hübsch rot lackierte Fußnägel.

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Da die Klinik sich auf mehrere Gebäude verteilt, die enorme Höhenunterschiede aufweisen, verbringt der Patient viel Zeit vor oder in den Aufzügen. Gleich treuen Lasttieren befördern sie Fußlahme wie mich von morgens bis abends durch die Häuser. Mittags gibt es einen kleinen Stau vor den Aufzügen aus dem Speisesaal aufwärts. Eine Frau schimpft über eine, hinter der sich gerade die Aufzugtür geschlossen hat: „Die hat ne Revolverschnauze. Nur weil die jung ist, glaubt die, sie könnte uns Alte beleidigen. Die Revolverschnauzenbesitzerin ist mir schon oft begegnet. Obwohl sie oben herum ganz normal gebaut ist, scheint sie unfassbar dicke Beine zu haben. Ihre XXL-weite Trainingshose verbirgt das. „Ich hab 100 Kilo Übergewicht“, sagte sie letztens. Es ist mir zu kompliziert das zu berechnen.

Musiktipp
Sufjan Stevens – Chicago