Burtscheider Kursplitter V – Kerzengrade

Man kann Läuse UND Flöhe haben. Nicht genug, dass ich ein wundes Bein habe, seit letzten Dienstag plagt mich eine fette fiebrige Erkältung. Natürlich wurde ich sogleich auf Corona getestet, glücklicherweise negativ. Die Therapien für zwei Tage musste ich absagen und das Bett hüten. Willkommene Ablenkung – zu Bloggen und für kurze Zeit die eigene Malaise vergessen. Darüber hinaus tröste ich mich mit der Neunerregel: Drei Tage kommt sie, drei bleibt sie, drei geht sie. Ich bin jetzt auf der Grenze zu Phase drei. [Übrigens habe ich mal eine Erzählung mit dem Titel geschrieben, auf die ich ein bisschen stolz bin. Wer sie nicht kennt und neugierig ist – hier bitte!]

*
Mein Sonntagvergnügen: Große Wäsche. Vor fünf Jahren musste man noch 50-Cent-Stücke in die Waschautomaten einwerfen. Ich erinnere mich, dass ich einmal der jungen Frau mit Münzen aushelfen musste, die ich Miss Schwertbad getauft hatte. Sie hatte weder eine Krücke noch sonst einen erkennbaren Makel, hielt sich im Gegenteil so kerzengerade wie eine Königin. Als ich ihr die Münzen lieh und ein paar Worte mit ihr wechselte, schaute ich freilich in ein enttäuschend leeres Gesicht. Alles ändert sich. Heuer sind Münzen passé, vielmehr muss man seine Bankkarte an ein frigides Lesegerät halten, und der Betrag wird abgebucht. Das ist bequemer, geht aber auf Kosten eventueller Sozialkontakte.

*
Ich treffe einen Physiotherapeuten wieder, den ich vor fünf Jahren schon kannte, den Herrn Mooshammer. Damals stand dieser Name mehrfach auf meinem Therapieplan. Aber immer wieder wurde Herr Mooshammer vertreten. Ich stellte mir einen kernigen Bayern vor, hielt nach einem solchen Mann Ausschau, aber Herr Mooshammer machte sich so rar wie der Weiße Hirsch. Währenddessen sah ich den einzigen Mann, der Heinrich Heines böser Bemerkung über den typischen Aachener entsprach:

    „Sie stelzen noch immer so steif herum,
    So kerzengrade geschniegelt,
    Als hätten sie verschluckt den Stock,
    Womit man sie einst geprügelt.“
    (Heinrich Heine: Deutschland.
    Ein Wintermärchen)

Groß war mein Erstaunen, als dieser Stockfisch sich als Mooshammer vorstellte. Seine Eltern waren nach Aachen zugezogene Bayern. So kann man sich vertun. Der typische Aachener ist ein Bayer. Da Heine nur nach dem Augenschein gegangen ist, dürfen wir vermuten, dass seine satirischen Bemerkungen auf falschen Annahmen beruhen. Sein Prototyp des Aacheners kam vermutlich aus Düsseldorf, hehe. Der Satiriker kann sich nicht an solchen Feinheiten aufhalten, sagt schon der russische Schriftsteller Michail Sostschenko:

    “ Der Beruf des Satirikers ist eigentlich ziemlich grob,
    schreierisch und unsympathisch. Dauernd muss man seiner
    Umwelt spöttische Bemerkungen machen, muss derbe Wörter
    gebrauchen wie ‚Dummbart‘, ‚Taugenichts‘, ‚Speichellecker‘,
    ‚zerfleischen‘ und so weiter.
    Wirklich, dieser Beruf ist manchesmal geeignet, die Zeitgenossen
    regelrecht zu vergrätzen. Manche denken sich: Was soll das?
    Darf der denn das? Muss das eigentlich sein?“
    (Michail Sostschenko, Das Himmelblaubuch)

*
Musiktipp
Beloe Zlato
Старый дед [Alter Großvater]

9 Kommentare zu “Burtscheider Kursplitter V – Kerzengrade

  1. Danke, Jules, für Vergnügliches als Gegengift gegen diese und jene Misere. Eindrucksvoll die Vorstelllung, dass das versteifte Rückgrat eigentlich ein verschluckter Stock ist, mit dem der so Aufgerichtete früher verprügelt wurde. Das ist Satire vom Feinsten und durchaus keine Rüpelei.
    Dir wünsche ich, auch die dritte Drei schnell hinter ir zu lassen. Jetzt gehe ich mall deine frühere Geschichte lesen.

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    • Heines spitze Bemerkung gefällt mir, da ich zum Glück kein geborener Aachener bin. Die Leute des 19. Jahrhunderts mit ihrem Untertanengeist und preußischem Kadavergehorsam dürften aus heutiger Sicht menschliche Zerrbilder gewesen sein. Heines Kunst war es, dies schon damals gesehen zu haben. Danke für deinen Genesungswunsch.

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  2. Irgendwo habe ich gelesen, wir müssten die ausgefallenen Infektionen der letzten Zeit nachholen. Du hast offenbar schon damit angefangen, dann bist du hoffentlich schnell damit durch. Das Jahr ist eh zum Vergessen, jetzt auch noch der Bericht des Weltklimarats, dann die Bundestagswahl und danach wird endlich alles gut.

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  3. Theorie…
    Doch zum Glück bist Du bereits erfolgreich im Verscheuchen und Eliminieren der Bazillen.
    Ich komme grad aus dem Waschhaus…immerhin mit einer feschen Miele bestückt. Für eine Wäsche brauche ich zwei Euro in Fuffzig-Cent-Stücken. Bis ich die zusammen klamüsert habe, brauche ich bis zu drei zwischenmenschliche Wechselgeldbegegnungen.
    Du siehst also: nicht überall hielt die Moderne Einzug. Das Hochhaus, in dem ich in einem Tortenteilchen residiere, ist eine etwas in die Jahre gekommene Bauhaus-Art-Deco-Chimäre mit einem richtig nostalgischen Waschhaus, zu dem ich gegenüber in ein Extragebäude gehen muss. Wie gut, dass ich so hoffnungslos romantisch bin. Und ich fege das Haus nach jedem Waschen und Trocknen wieder sauber, die Waschmaschine putze ich auch. Es riecht dort wie in einem alten Bauernhaus ohne Müffel: so sauber und leicht nach grünen abgelagerten Äpfeln, wieso, das habe noch nicht entdeckt…ist aber ausgesprochen angenehm, sich dort aufzuhalten. Die meisten haben hier eine eigene Waschmaschine. In meine Butze passt keine mehr hinein. Und kerzengerade aufrecht gehen auch Erdmännchen. Die haben so seelenvolle Augen.
    Gute schnelle Besserung
    und liebe Grüße von Amélie 🍃

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  4. Entschuldige bitte, der Anfang meines Kommis fehlt…😱
    Er beginnt: Lieber Jules,
    Ein Unglück kommt zwar selten allein…und Dein Immunsystem hat eine große Baustelle in Deinem Bein, das mag anfälliger für Viren & Co. sein….

    (Ab hier geht es im ersten Kommi weiter…sorry…ich war ungeschickt…)🥶

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    • Liebe Amélie,
      danke für deinen Bericht und den med. Trost. Bei deiner eigenen Verletzung hast du Geduld haben müssen. Gut neun Wochen nach dem Unfall wünsche ich mir, dass die Heilung schneller voranschreitet. Zus. mit der Erkältung war es eine Überforderung. Sonst will ich nicht jammern.
      Lieben Gruß
      Jules

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