Burtscheider Kursplitter IV – Keine Bücher mehr

Vor fünf Jahren wurden im Speisesaal feste Plätze zugewiesen. Mit mir am Tisch saß ein Polizist, der schon zwei Jahrzehnte an den Folgen eines Dienstunfalls leidet. Seine Geschichte klang nach dümmer als die Polizei erlaubt: Auf einer abschüssigen Straße, die von blühenden Kirschbäumen gesäumt war, verfolgte er einen Einbrecher und hatte ihn gerade gestellt, da wurde er von einem Streifenwagen erfasst. Der Streifenwagen war wegen der Kirschblütenblätter auf der Straße ins Rutschen geraten und verletzte ihn so schwer, dass er wohl niemals mehr gesunden wird. Schon sechsmal war er deshalb in Kur, bezahlt von der Haftpflichtversicherung des Einbrechers. Ein Richter hatte damals folgendes geurteilt: Es ist nicht strafbar, vor der Polizei zu fliehen. Wohl aber haftet der Fliehende, wenn ein Polizist bei der Verfolgung Schaden erleidet. In der Folge war ich froh, dass der Polizist selten bei Tisch auftauchte. Am Ende wünschte ich dem Kerl zur Unzeit: „Guten Appetit!“, der verschluckte sich bei der Antwort, erstickte daran, und ich hätte blechen müssen.

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Die mit Krücken zeigen. Ein Frau stochert ganz selbstverständlich mit ihrer Krücke im Brötchenkorb, um einer anderen ein bestimmtes Brötchen zu zeigen. Mit ihr saß ich einmal am Tisch. Da zeigte sie mir selig lächelnd ein Video ihrer Katze. Ich hoffe, nicht auszusehen wie einer, der sich für Katzenvideos interessiert, sondern es war ihrer Selbstvergessenheit geschuldet.

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Die Patientenbegrüßung fand in der ehemaligen Bibliothek statt. Es sei die Ärztebibliothek gewesen, sagte die Chefin der Patientenbetreuung, „und die enthielt wohl nur Fachliteratur.“
„Ich habe da auch Belletristik gelesen“, widersprach ich. Jedenfalls sind die Bücher weg. Bei der Pandemiebekämpfung mussten sie dran glauben. Ehrlich gesagt war ich schon 2015 der einzige Besucher. Im seltsam zusammengewürfelten Bestand der Bibliothek fand ich Herbert Rosendorfers wunderbaren Roman in „Briefe in die chinesische Vergangenheit“. Rosendorfer behauptet darin, der Heilungsquotient in unserem Gesundheitssystem habe 1980, im Jahr seines Zenits, bei 60 Prozent gelegen. Seither sei er nicht mehr gestiegen. Der Schamane, der mit seinem Mummenschanz den Kranken umtanzt, habe den gleichen Heilungsquotienten. Ich konnte die Zahl leider nicht verifizieren, halte sie aber für plausibel. Ein Freund und Exkollege, dem ich davon erzählte, als er mich besuchte, führte das auf die Zuwendung zurück, die der Kranke durch den Schamanen erfährt.

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Wann weiß man, dass man im Rheinland ist? Wenn die Präposition „um“ durch „für“ ersetzt wird. Mann und Frau unterhalten sich über einen See in ihrer Region. Er sei da früher immer mit den Kindern hingefahren „für die Enten zu füttern.“

Musiktipp
The Staves
Black & White