Burtscheider Kursplitter III – Die mit Krücken zeigen

Der Ortsname Burtscheid leitet sich her vom lat. Porcetum, „Schweinetrift“. Gemeint sind Wildschweine, die den Wald der Gegend in großer Zahl bevölkerten. Um das Jahr 2000 habe ich in Aachen-Burtscheid gelebt. Wildschweine habe ich nicht gesehen. Täglich nahm ich den Weg durch die beschauliche Fußgängerzone über den Burtscheider Markt, wo sich gleich einer Klippe das klotzige Gebäude der Rheumaklinik erhebt, ehemals Bad der Landesversicherungsanstalt Rheinprovinz. Meine Erinnerung an diese Rheumaklinik ist untrennbar mit dem Bild von Männern verbunden, die ihre Krücken wie verlängerte Zeigefinger benutzten, wenn sie an den Wochenenden ihren Besuch durch Burtscheid führten. Herumstreifende Kurgäste auf Krücken gehören in Burtscheid zum Straßenbild. Humpelte jemand durch den Eingang der Rheumaklinik, habe ich gedacht, dass ich gerne das Gebäudeinnere sehen würde. Niemals kam ich auf die Idee, dass ich einmal als Patient in diese Einrichtung einfahren und meine Neugier befriedigen könnte.
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Genauer gesagt, ich war im Jahr 2015 nach einer Schulter-OP zur Reha in der angrenzenden Schwertbadklinik, wo ich derzeit auch bin. Diese Einrichtung verteilt sich über mehrere Gebäude. Anfänglich schwer durchschaubar ist das System aus Gängen und Aufzügen, das die Bauten des Schwertbads miteinander verbindet. Durch eine rundum geschlossene Brücke überquert man das gepflasterte Sträßchen Adlerberg zum Haus A, hat unter sich den talseitigen Eingang zur Schwertbadklinik. Zum Gebäudekomplex gehörte im Jahr 2015 noch die alte Rheumaklinik. Ich glaube, von der obersten Etage des B-Hauses führte ein verwinkelter Gang in die obere Etage der Rheumaklinik. Der Zugang ist inzwischen vermauert. Eine Investorengruppe hat die Rheumaklinik gekauft und wollte sie umwandeln zum Apartmenthaus. Allerdings rechnete sich das nicht, so dass der Plan scheiterte. Vermutlich gab es zu hohe Auflagen durch den Denkmalschutz. Derzeit steht das Gebäude leer und beflügelt meine Erinnerung. [Im Bild oben: Diese nicht ganz ernst gemeinte Ansichtskarte habe ich damals gestaltet]
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Vor sechs Jahren hatte ich einige Therapien in dem sonst leeren Gebäude der Rheumaklinik. In einem Raum ließ mich eine betagte Ergotherapeutin in einer Plastikschale mit Reis oder Erbsen graben. In einem anderen Raum lag ich in einem bequemen Sessel und eine junge Therapeutin brachte mir die Progressive Muskelentspannung nach Edmund Jacobson bei. Sie kam aber nur einmal, sonst blieb sie in den Tiefen der Klinik verschwunden. Und ich hatte Wassergymnastik im Thermalbecken. Ich erinnere mich an ein hübsches Mosaik aus Wandkacheln, vielleicht im Jugendstil oder Art Deco. Völlig ungestört erklomm ich die Stufen in zyklopenhaften Treppenhäusern bis in die leere Dachetage. Dort entdeckte ich einen großen Gesellschaftsraum für Patienten mit Büchern und Spielen. In einem Gästebuch las ich Einträge längst entlassener Patienten. Darin Kunde von Freundschaften, die sich in der Kur ergeben hatten, von Abschiedsfeiern und launige Einträge von Alkoholgelagen. Es muss einmal Leben in den ungezählten Krankenzimmern gewesen sein, mit Decken so hoch, dass sich Schmerz auf Schmerz türmen konnte. Das alles ist nun für immer Geschichte. Im Schwertbad habe ich noch niemanden gefunden, der über die alte Rheumaklinik reden wollte, und ich schelte mich, damals nicht genug fotografiert zu haben.