Burtscheider Kursplitter II – Heilwasser

Aachener Erklärungssagen haben oft mit dem Teufel zu tun. Auf meine Frage, woher der Name Schwertbad stamme, las die Leiterin der Patientenbetreuung bei der Patientenbegrüßung folgende Sage vor, aus der Erinnerung nacherzählt: Ein Schmied hörte im Wald ein Stöhnen und fand den Teufel unter einem umgestürzten Baum eingeklemmt. Er hatte seine magische Feder verloren und konnte sich deshalb nicht befreien. Der Schmied half dem Teufel aus der Klemme. Zum Dank wies der Teufel den Schmied an, frisch geschmiedete Schwertklingen in eine der zahlreichen heißen Quellen zu tauchen. Fortan härtete der Schmied seine Schwerter in der über 70 Grad heißen Thermalquelle.

Daher der Name Schwertbad. Er sei aber erst seit dem 19. Jahrhundert schriftlich belegt, so die Dame. Jedenfalls befindet sich unter dem Keller der Kurklinik die heißeste Thermalquelle Europas. Sie speist das Thermalbecken der Kurklinik, diverse Heizungsanlagen und tritt in der Fußgängerzone von Burtscheid aus drei Wasserhähnen hervor.
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Natürlich ist das Wasser, dessen Heilkraft schon die Römer schätzten, für das Bad auf etwa 35 Grad heruntergekühlt. Am Aachener Elisenbrunnen fließt ebenfalls Thermalwasser aus einem öffentlichen Brunnen. Dort sind auf Kupfertafeln verewigt all die gekrönten Häupter und Adligen Europas, die hier Heilung gesucht haben. Dem Thermalwasser wird heilende Wirkung bei Syphilis-Erkrankung nachgesagt. Böse Zungen behaupten, auf den Kupfertafeln stünde eine Liste adliger Syphiliskranken der vergangenen Jahrhunderte. Übrigens bade ich nicht in einem der einst zahlreichen Badehäusern der Aachener Innenstadt, sondern im Aachen-Burtscheider Schwertbad und auch nur wegen einer Fraktur von Schien- und Wadenbein.
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Blick aus meinem Fenster – Foto JvdL


In den vergangenen Jahrhunderten sind fast alle Aachener Bäche kanalisiert worden, weshalb Aachen trotz vieler Quellen keine Fließgewässer hat. Doch die Topographie Aachens zeigt die Spuren. So haben sich die Burtscheider Quellbäche tief ins Gelände eingegraben. Die Schwertbadklinik ist in einen Hang von 25 Prozent Steigung gebaut, so dass sich der Haupteingang hangwärts auf der sechsten Etage befindet. Mein Zimmer liegt talwärts auf der achten Etage – über den Dächern von Aachen-Burtscheid. Die seitlich vorbei führende Hauptstraße ist mit ebenfalls 25 Prozent Steigung die steilste Straße Aachens.
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Der jugendlich fitte Physiotherapeut fährt dort täglich nach der Arbeit hoch, aber nur von der halben Höhe. Als er hörte, an welchem Gymnasium ich Lehrer war, erinnerte er sich, dass Abiturienten es einmal rosa angestrichen hatten. „Nicht ganz“, sagte ich, „nur den Parkplatz des Direktors und den Schriftzug des Gymnasiums über dem Eingang.“ Es war eine böswillige Anspielung auf die sexuelle Orientierung des damaligen Direktors, einem Schwulen ohne Coming-Out. Indirekt war ich auch betroffen. Den Schriftzug über dem Portal hatte ich mit Schülerinnen und Schülern in einer Kunst-Arbeitsgemeinschaft gestaltet. Jede/jeder meißelte, sägte und feilte aus einer dicken Platte Gasbeton von etwa DIN-A3 einen Buchstaben reliefartig heraus. Der Hausmeister schweißte Metallstifte auf ein Flacheisen, bohrte passende Löcher in die Gasbetonplatten und hängte den kompletten Schriftzug übers Portal. Dort hätte er für eine halbe Ewigkeit hängen können. Die rosa Wandfarbe verdichtete leider die Vorderfront, so dass eingedrungene Feuchtigkeit im Winter gefror und die Buchstaben zum Platzen brachte. Deshalb mussten alle abgehängt werden.