Burtscheider Kursplitter I – Pfeifen lernen

In der Reha fällt mir das Gehen noch schwer. Deshalb konnte geschehen, dass ich beim Verlassen des Speiseraums etwas hörte, was unter normalen Bedingungen meine Aufmerksamkeit gefesselt hätte. So aber bekam ich nur Fetzen eines Berichts mit. Zwei ältere Frauen sitzen sich beim Abendessen diagonal gegenüber, getrennt durch eine Glasscheibe. In meinem Rücken sagt eine: „Als Kind wollte ich unbedingt „Flöten“ [Pfeifen] lernen. Ich bin zum Bauern gegangen und habe nur noch Flötekies [Quark] gegessen. (…) Wie die Geschichte weiterging, kann ich nicht sagen. Derweil ich zum Aufzug humpelte, spulte der Besserwisser in mir ab, dass der Erfolg mäßig gewesen sein musste.

Denn Flötekies = Flötekäse ist ein altes Wort für Quark. Der erste Bestandteil dieses Wortes, das ausgestorbene Verbum ›Flöten‹, bedeutete ursprünglich: den Quark durch Rühren wieder fließend (flott) machen. Da die Grundform „Flöten“ im Rheinland außer Gebrauch kam, wurde der Ausdruck Flötekies nicht mehr verstanden; seine ursprüngliche Bedeutung ging verloren. Deshalb setzte eine volksetymologische Umdeutung ein: Das nicht mehr verstandene Wort Flöten wurde mit Pfeifen gleichgesetzt. So kam es zur volkstümlichen Auffassung, durch den Verzehr von Quark würde man pfeifen lernen.

Als ich Kind war, hörte ich die Behauptung, aber da ich Quark nicht mochte, verzichtete ich auf Virtuosität im Pfeifen. Leider habe ich die Sprecherin nicht gesehen und kann sie nicht nachträglich nach ihren Erfahrungen befragen. Vielleicht wäre aus ihr beinah eine bekannte Kunstpfeiferin geworden wie damals Ilse Werner, wenn der Quark nicht versagt hätte.