Jüngling der Schwarzen Kunst – Liebe und Status

Sie warteten alle fünf auf dem Hof der Jugendherberge. Der hatte nach dem anhaltenden Starkregen einen halben Meter unter Wasser gestanden. Das Absaufen der Keller war gerade noch mit eilends herbeigeschafften Sandsäcken verhindert worden. Karl-Heinz ging ungeduldig auf und ab. Endlich rollte ein dunkelgrüner Renault auf den Hof. Seine Eltern und Schorschi, der jüngere Bruder, stiegen aus. Unfassbar, dass die Familie in einem Tag zum Bodensee gefahren war, wofür die Freunde eine Woche gebraucht hatten.

Sie hatten für Hannes eine Jeans mitgebracht, die eigentlich Karl-Heinz gehörte. Sie war Hannes viel zu kurz und zu weit.
„Eine richtige Hochwasserhose. Passt doch, wenns nochmal so regnet“, sagte Frau Grefrath lachend.
In den letzten Monaten war Hannes ziemlich aufgeschossen, konnte in der Setzerei endlich auch an die Fächer mit den Großbuchstaben langen. Die Freunde genossen, wieder trockene Kleidung zu haben, wenn auch klar war, dass dies ein vorübergehender Zustand sein sollte. Am Bodensee schien manchmal die Sonne, aber jeden Morgen war er regenverhangen. Ein Mix von Sonne und Regen blieb während ihrer gesamten Rückfahrt.

*

Der Junior war außer Haus. Geselle Dieter Monitz hat sich an den Tisch im Glashaus gesetzt und lernte für die Abendschule. Hannes stand herum und wartet auf das Manuskript der Speisekarte, die er täglich für das Restaurant im Kaufhaus Horten setzen musste. Das Manuskript kam immer erst gegen 16:30 Uhr, also kurz vor Feierabend. Offenbar schmierte es der jeweils diensthabende Koch zusammen.

„Wie war dein Wochenende, Hannes?“, fragte Dieter Monitz.
„Fragen Sie lieber nicht.“
„Warum? Ist etwas blöd gelaufen zwischen dir und deiner kleinen Freundin?“
„Ja. Aber ich möchte nicht drüber sprechen.“
„Dann lässt du es“, sagte Monitz, „aber den ganzen Tag hast du Trübsinn verbreitet! Das verlangt nach einer Erklärung.“
„Die Sache ist peinlich für mich.“
„Wieso?“
„Monika hat mich versetzt.“
„Sowas kann jedem mal passieren.“
„Mit Monika?“ Hannes musste grinsen.
„Auch mit Monika, wenn man sie kennt. Ich meinte aber das Versetztwerden. Erzähl schon!“
„Samstagabend waren wir auf einer Party. Als ich sie nach Hause brachte, hat sie mir ihre Liebe geschworen. Es war saukalt, aber sie war heiß und hauchte mir ins Ohr, dass sie mit mir schlafen will. Ich wusste nicht, wo wir das tun sollten in der kalten Nacht mitten auf dem Feld, und so blieb es bei Küssen.“ Dass ihn Monika in eine offene Garage gezogen hatte und er nicht gewusst hatte, was zu tun war, verschwieg er.
„Das klingt doch verheißungsvoll“, warf Monitz ein.
„Das Blöde kommt noch. Für Sonntag verabredeten wir uns. Ich sollte sie um drei Uhr zu Hause abholen. Als ich in die Straße einbog, kam mir ein 190-er Mercedes SL entgegen. Monikas 20-jähriger Cousin, der Satoris fährt so ein Sportcabrio. Auf dem Beifahrersitz Monika. Wir sehen uns an, und sie zuckt bedauernd die Achseln. Dann fuhren sie an mir vorbei und weg.“
„Hat sie was mit diesem Cousin?“
„Monika sagt nein, aber er baggert schon länger an ihr rum.“
„Was hast du gemacht?“
„Was schon? Ich bin nach Hause gegangen. Als ich ankam, parkte vor einem Nachbarhaus ein 190 SL, beige wie das von Satoris. Aber das war es nicht. Trotzdem habe ich stundenlang in unserem Treppenhaus auf der Fensterbank gesessen und das blöde Auto beobachtet, voller Liebeskummer, Herr Monitz. Mann hat das weh getan! Den ganzen Scheiß Sonntag lang. Es wollte gar nicht weggehen.“
„Und jetzt?“
„Die hat bei mir ausgeschissen bis in die Steinzeit und zurück.“ Die Wendung hatte er vom Ex-Gesellen Kaumanns übernommen.“
„Ist klüger so, Hannes. Du hast keine Chance. Er ist älter und erfahrener als du und fährt ein schickes Mercedes-Cabrio. Da kannst du nicht mithalten. Am Ende ist er nicht ihr Vetter, sondern der Großvetter, und sie schiebt die Verwandtschaft nur vor, um das wahre Verhältnis zu verschleiern.“
„Aber sie hat mir ihre Liebe geschworen.“
„Vergiss es! In der Liebe geht es um Status. Dein sozialer Status ist gering. Verzeih, wenn ich das so hart sage: Du bist der Sohn einer armen Witwe, die die Schule putzt. Das einzig Besondere an dir ist dein Schriftsetzerberuf. Aber du bist noch Lehrling.“
„Mein sozialer Status ist zu niedrig?“
„Ja, dass die Königstochter den armen Köhlerburschen heiratet, gibt es nur im Märchen. Wie war es mit dem Mädchen aus Stommeln, das du kennengelernt hattest und mit dem es nicht klappen wollte? Was waren die Eltern?“
„Sie haben ein Elektrofachgeschäft.“
„Kein Wunder, dass sie sich nicht für dich entscheiden konnte.“
„Sie hat mich im Schützenzelt immerhin ihrem Bruder vorgestellt. Aber danach war Schluss.“
„Naheliegend. Jetzt, guck dir mal an, wer in deinem Freundeskreis mit wem geht.“
Hannes überlegte. „Meine Sandkastenliebe Josie, Tochter eines reichen Bauern, hat sich verlobt mit einem Medizinstudenten, Sohn aus einer Arztfamilie.
Mein Freund Toni geht mit der Tochter des Apothekers.“
„Und was sind seine Eltern?“
„Sie haben einen Gemüsegroßhandel.“
„Da hast du es. Liebe folgt dem Status.“
„Und ich dachte, die Apothekertochter geht mit Toni, weil der ein bisschen wie Keith Richards von den Stones aussieht.“
„Kann eine Rolle spielen, aber ist nicht der Hauptgrund.“
„Toni ist auch viel selbstbewusster als ich.“
„Manche bekommen das von zu Hause mit. Du hast es nicht. Aber du kannst es dir erarbeiten.“
„Ich weiß. Im Readers Digest habe ich Anzeigen gelesen für ein Programm, die Schüchternheit zu überwinden und selbstbewusst zu sein.“
„Das ist amerikanischer Humbug. Hör lieber auf mich. Wird Zeit, dass du lernst, wie die Dinge laufen.“
„Wie die Dinge laufen? Es soll gerecht zugehen in der Welt.“
„Das kannst du fordern und weiter träumen. Oder du akzeptierst die Spielregeln und arrangierst dich.“

4 Kommentare zu “Jüngling der Schwarzen Kunst – Liebe und Status

  1. Wenn die Liebe nicht dem Status folgt, heißt sie bei den Franzosen amour fou. Ist aber für die Betroffenen in der Langzeitbetrachtung nicht besser als die Statuswahl. Wobei bestimmte Männer mit gewissen berufen übrigens zur Stärkung der eigenen Position gerne Frauen unterhalb des eigenen Status aussuchen.

    Gefällt 2 Personen

    • Der Ausdruck triffts. Der Chefarzt heiratet die Krankenschwester kommt vor, aber nicht der Krankenpfleger heiratet die Chefärztin. Das wäre eher amour fou. Interessant ist, dass auch bei jungen Menschen derlei Kalkül eine Rolle spielt – bei der Frage, wer mit wem geht.

      Gefällt 1 Person

  2. Der Vater meine Jugendliebe war Arzt in der Psychatrie, meiner Fernfahrer. Um das Manko auszugleichen hab mir dann eine Depression zugelegt, hat aber auch nicht mehr geholfen. Sie ist dann mit dem Sohn des Gymnasialdirektors gegangen, der hatte zudem einen Selbstmordversuch hingelegt. Da konnte ich nicht mithalten. 😉

    Gefällt 1 Person

    • Eine Depression ist doch schon ein Einsatz, wird freilich durch einen Selbstmordversuch getoppt. 😉 Bevor ich diese Folge geschrieben habe, war mir nicht so klar, dass soziale Schichtzugehörigkeit auch bei der jugendlichen Partnerwahl schon entscheidend ist, vielleicht nicht in der Phase des heißen Verliebtseins, aber später.

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.