Jüngling der Schwarzen Kunst – Ein Schuh fehlt

Hannes und Karl-Heinz drängten sich in die Telefonzelle. Die beiden hatten Münzen zusammengelegt für ein Ferngespräch. Karl-Heinz hatte die Groschen, 50-Pfennig- und Markstücke auf dem grauen Münztelefon gestapelt, und Hannes sollte beizeiten nachzahlen, indem er die Münzen in die richtigen Schlitze steckte.
„Aber halte die Markstücke möglichst lange zurück!“, befahl Karl-Heinz. Das Gerät hatte eine schräge Sichtanzeige, worin die eingeworfenen Münzen zu sehen waren und langsam nach unten rutschten, wenn die unterste Münze abtelefoniert war. Beide waren nervös. Hannes hatte noch nie von einem Münztelefon aus telefoniert. Karl-Heinz tat weltmännisch, als hätte er schon oft aus der Telefonzelle angerufen, doch das war nicht so, zumal seine Eltern sich erst kürzlich ein Telefon angeschafft hatten. Er las die Telefonnummer von einem Zettel und ließ die Wählscheibe rotieren.

Hannes beneidete ihn um seine Eltern. Sie waren noch recht jung. Der Vater war ein umtriebiger Versicherungsvertreter, weshalb er ein Telefon benötigte, die Mutter eine hübsche sanfte Frau, die als Näherin ein Zubrot verdiente.
„Die erste Münze rutschte durch.
„Mama?!“, rief Karl-Heinz mit erhobener Stimme, als müsste er dem Wort „Fernruf“ Genüge tun. „Mama! Hier ist Karl-Heinz!“
„ … “
„Ja, wir sind gut am Bodensee angekommen und in Konstanz in der Jugendherberge!“
„ … “
„Nein, es regnet die ganze Zeit. Wir haben keine trockenen Sachen mehr. Hannes hat seinen Schuh verloren. Aber sonst ist alles gut.“
„ … “
„Er hat seine Schuh abends zum Trocknen vor die Tür gestellt, und am nächsten Morgen war einer weg.“
“ … “
„Wirklich?! Das wäre toll.“
„ … “
„Ja, Tschüß, Mama, grüß Papa und Schorschi von mir.“
„ … “
Derweil hatte Hannes den Münzautomaten gefüttert. Ihm war unheimlich, wie schnell der die Münzen schluckte. Karl-Heinz hängte den Hörer sorgfältig auf die Gabel. Einige Münzen klapperten in die Geldrückgabe. „FASSE DICH KURZ!“ stand auf einem Schild an der Zellentür. Daran hatte sich Karl-Heinz gehalten.

„Ich soll morgen noch mal anrufen“, sagte er, indem er die noch übrigen Münzen einsammelte.
„Warum?“
„Meine Eltern wollen vielleicht mit dem Auto herkommen und uns Sachen bringen.“
„Musstest du das mit meinem Schuh erzählen?“
„Warum nicht?“
„Es ist mir peinlich. Was soll deine Mutter von mir denken? Dass ich einfach so meinen Schuh verliere?“
„Ach, Quatsch! Du kannst nichts dafür.“

Hannes hatte einen kleinen Jungen im Verdacht, der offenbar zu den Herbergseltern gehört.
„Weißt du, wo mein zweiter Schuh ist?“, fragte Hannes.
Der Junge nickte. „Ja, komm, komm!“
Er streckte die Hand nach Hannes aus und zog ihn den Gang hinab bis zur Kellertür.
„Da unten soll mein Schuh sein?“
„Ja, ja! Aufmachen“, nickte der Kleine.
„Hannes öffnete die Tür und stieg mit dem Kleinen an der Hand hinab in den Keller. Dabei musste rückwärts immer zwei Stufen vorgehen, um den Kleinen zu sichern. Der Kleine lotste ihn in einen Kohlenkeller. Einen Lichtschalter fand Hannes nicht. Licht kam durch ein offenes Kellerfenster, an dem es eine Art Rutsche für die Kohlen gab. Der Kleine deutete stolz auf den riesigen Kohlenhaufen und sagte: „Da, da!“
„Da oben soll mein Schuh sein?“
„Ja, ja!“
Hannes sah, wie Wasser durch das offene Kellerfenster schwappte.
„Vergiss den Schuh! Wir müssen hier raus!“

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