Editorial – panta rhei

Meine lieben Damen und Herren

Ein unbedachter Augenblick brachte mir eine Woche Krankenhaus und sieben Wochen Kurzzeitpflege. Die liegen jetzt hinter mir. Oft habe ich gedacht, dass ich diesen Zeitpunkt nie erreichen würde, zu gewaltig war das Gebirge aus Zeit, das erklommen werden musste, um meinen Knochenbruch zu heilen. Man kann sich vorstellen, wie langsam das geht, wenn einer nur auf einem Bein hüpfen kann. Es ist etwas Seltsames mit Gebirgen aus Zeit. Wer am Fuß steht und hinauf schaut, kann sich den Augenblick vorstellen, in dem er von oben hinabschauen wird. Warum kann einer nicht der Hinabschauende sein, derweil er hinaufschaut?

Rückblickend sind die Tage geschrumpft, so dass der Zeitpunkt des Hinaufschauens und der des Hinabschauens dicht nebeneinander liegen könnten. Der Schritt hinüber erscheint plötzlich winzig, so klein, als wäre ich einfach aus dem Rollstuhl aufgestanden und hätte den Schritt getan. Ob es aber erstrebenswert wäre, zwischen Momenten durch die Zeit zu reisen? Was ist, wenn der Zeitreisende zurück will in eine schönere Vergangenheit, was wäre, ich könnte zurückgehen zum Moment, als ich nach dem geselligen Abend Geschirr in die Küche gebracht hatte und sicher am Küchentisch saß. Bei der Reise zu diesem Augenblick, würde mir dann der angetrunkene Mann entgegenkommen, auf dem Weg, sich ein Bein zu brechen?

Inzwischen ist aus dem Moment für mich und alle Beteiligten ein anderer Lebensweg entstanden. Ich bin nicht mehr der leichtsinnige Kerl auf der Treppe, und auch sie sind nicht mehr dieselben. panta rhei [altgriechisch ‚alles fließt‘] oder landläufig: „Du steigst nicht zweimal in denselben Fluss.“ Zwischen Schlüsselmomenten findet das Leben statt. Der Mensch hat die Gelegenheit, sich weiter zu entwickeln.
Den nächsten Text werde ich aus meiner alten Heimat Aachen veröffentlichen, wo ich ab Montag eine dreiwöchige Anschlussheilbehandlung antrete. Man liest sich.

Bis bald, Ihr und euer