Professionelle Krankmacher

An einem frostigen Tag im Januar 2011, kurz nachdem ich nach Hannover gezogen war, lernte ich Frau Hantschi, meine Unternachbarin kennen. Die alte Frau klingelte bei mir und stand freundlich lächelnd vor meiner Wohnungstür, stand im Nachthemd im eiskalten Treppenhaus und wirkte verwirrt. Ich bat sie herein, setzte sie in meinen bequemsten Sessel und versuchte heraus zu bekommen, weshalb sie ihre Wohnung im Nachthemd verlassen hatte. Wie sich ergab, hatte sie keinen Schlüssel für die Wohnungstür, worüber sie sich aber nicht besorgte. Sie schwärmte von Olympia und dass sie im Fernsehen so gerne Skispringen anschaue. Über meinen Hausbesitzer erfuhr ich von einem Pflegedienst, der sie betreute. Dort rief ich an, und man versprach, jemanden mit dem Wohnungsschlüssel vorbeizuschicken.

Als ich Frau Hantschi Wochen später im Hausflur traf, wirkte sie gar nicht mehr verwirrt. Sie erzählte, sie sei im Januar für kurze Zeit in einem Pflegeheim gewesen, wo man ihr die falschen Medikamente verabreicht habe. Natürlich konnte ich das nicht prüfen, aber ihr geistiger Zustand hatte sich offenbar stabilisiert. Bei allen Begegnungen bis zu ihrem Tod wirkte sie geistig klar, so dass ihr Verdacht wegen der Medikamente sich zu bestätigen schien. Inzwischen haben eigene Erfahrungen mir gezeigt, dass ihr Fall vielleicht keine Seltenheit ist.

In den ersten vier Wochen nach dem Krankenhausaufenthalt bin ich einer Pflegeeinrichtung gewesen, die sich rückblickend als Horrorhaus darstellt. Dem zuständigen Arzt vertraute ich von der ersten Begegnung an nicht. Er behandelte mich von oben herab, als hätte er wie üblich einen Dementen vor sich. Es schien ihm nicht zu genügen, dass ich nur ein gebrochenes Bein hatte. Er ließ mich einen Tag auf Diabetes testen, obwohl meine Blutwerte vor dem Unfall in Ordnung gewesen waren, und ich fürchtete, er werde mich zusätzlich krank machen wollen. Demgemäß vertraute ich nicht der von ihm veranlassten Medikation. Es ist üblich, dass einem die Medikamente in kleinen Bechern gebracht werden, so dass man nicht prüfen kann, was man bekommt. Einmal fand ich bei den Schmerztabletten eine verdächtige kleine Pille. Ich zeigte sie der Stationsschwester und fragte, was das sei. Sie nahm die Pille mit und erklärte am nächsten Tag, das habe sie nicht feststellen können.

Inzwischen habe ich eine neue Einrichtung bezogen, wo ich mich gut aufgehoben fühle. Als die Stationsschwester den Medikamentenplan sah, den man mir mitgegeben hatte, fragte sie, weshalb mir denn als Bedarfsmedikation Haloperidol, ein Mittel gegen schwere Schizophrenie, verschrieben worden sei. „Bei Unruhe“ hatte der Arzt dem Pflegeheim erlaubt, mich damit ruhig zu stellen. Glücklicherweise ist der Fall nicht aufgetreten. Obwohl ich manchmal verzweifelt war, habe ich zu keiner Zeit randaliert. Ich bin froh, von denen mir angekündigten sechs bis acht Wochen Heilung, jetzt sechs Wochen glücklich überstanden zu haben und hege die begründete Hoffnung, bald wieder mit beiden Beinen im Leben zu stehen.

Pützfeld

Auf dem Radweg zwischen dem Aachener Wald und dem Grenzort Lichtenbusch fuhr ich zu einem vor mir fahrenden Radsportler auf und grüßte freundlich. Der blickte hoch und erhöhte sein Tempo, um neben mir zu bleiben. Dabei musterte er ausgiebig meine Rennmaschine und äußerte sich fachmännisch zur Übersetzung, die ich fuhr. Plötzlich sagte er: „Ja, kennst du mich denn nicht?“ „Leider nein.“
„Ich bin doch der älteste Radsportler der Welt.“ Tatsächlich hatte ich mich gewundert, als ich sein wettergegerbtes Gesicht gesehen hatte. Das passte nicht zu seinen wohlgeformten Beinen, die einem jungen Mann zu gehören schienen.

Später erzählte ich einer befreundeten Kollegin von der Begegnung. Sie war Mitglied [wie gendert man das?] in einem Aachener Radsportverein und kannte den Mann. „Das war Christian Pützfeld. Der ist 86 und fährt noch Seniorenrennen.“ Es gibt einen Grimmepreis gekrönten Dokumentarfilm über ihn und das ungebrochene Konkurrenzdenken unter steinalten Radsportlern: „Alte Kameraden“ von Bernd Mosblech.

Über Pützfeld erzählte man folgende Geschichte: Nach einem Unfall hatte er mit Beinbrüchen im Krankenhaus gelegen. Raue Radsportler, Konkurrenten wohl, hatten ihn besucht und grob getönt: „Pützfeld, jetzt ist es aus. Jetzt kommst du nicht mehr auf die Beine.“ Doch Christian Pützfeld hatte noch im Krankenbett angefangen, mit Hanteln zu trainieren, war sehr wohl wieder auf die Beine gekommen und sogar erneut Radrennen gefahren. Wenn ich im äußeren Trakt unseres Gymnasiums unterrichtete, sah ich ihn manchmal auf der kurzen Flachstrecke oberhalb des Gebäudes beim Intervalltraining.

An Christian Pützfeld musste ich in letzter Zeit oft denken. In den ersten Wochen nach meinem Unfall, als die Zeit der Hilfsbedürftigkeit nicht vergehen wollte und ich in einsamen Abendstunden nah daran war, den Putz von den Wänden zu kratzen, habe ich mir an ihm ein Beispiel genommen und mit vollen Wasserflaschen als Hantelersatz trainiert.

Heute sind sechs Wochen seit dem Unfall vergangen. Ich bin aus der ersten Pflegeeinrichtung in eine andere umgezogen, wo ich mich wohler fühle und auch nicht mehr fürchten muss, dass gewissenlose Ärzte aus mir einen echten Pflegefall machen. Die Zeit, die zu stehen schien in den schlimmen ersten vier Wochen in der „Kurzzeit“pflege, ist also doch vergangen. Ob Christian Pützfeld noch lebt, konnte ich nicht herausfinden. Er müsste jetzt weit über 100 sein. Unsere gemeinsame Heimat ist gerade im Dauerregen versunken. Furchtbare Bilder erreichten mich, und ich sah Straßen und Ortschaften, auf denen ich trainiert habe, die derzeit unpassierbar sind. Das Wasser hat in der Nordeifel, im grenznahen Ostbelgien und Aachens Umland nicht ganz so verheerend gewütet wie in den Dörfern an der Ahr, aber aufgerissene Straßen, Hausfronten, unterspülte Häuser und Bewohner, die sich um ihre Existenzgrundlage gebracht sehen, gibt es auch dort. Mir ist zum Heulen.

Vor allem stört mich erneut die Sprachmode von Medienleuten und Politikern, die jetzt wieder von den „Menschen“ reden, denen geholfen werden muss, weil die jetzt schlimme Verluste erleiden, sogar zu Tode gekommen sind. Das distanzierende Die-Menschen-Gerede klingt, als würden sie selbst einer anderen Gattung angehören, die von oben herabschaut auf die ach so verletzlichen „Menschen“, wie sie jetzt zittern und beben müssen vor den Naturgewalten und in ihren Kellern ersaufen gleich den Würmern in ihren Gängen. In dieser Sprachmode der geheuchelten Anteilnahme zeigt sich ungeschminkt, dass sich Medien und Politik längst aus der Mitmenschlichkeit entfernt haben.

Ein Reisender in Baal

Rübenfelder, so weit das Auge reicht. Ein anthrazitfarbenes Band durchschneidet sie und verliert sich am Horizont. Das ist die Landstraße. Ein alter Bauer auf einem wackligen schwarzen Herrenfahrrad radelt heran. Der Reporter hebt die Hand, und der Alte springt steifbeinig ab.
„Guten Tag! Was gibt es denn hier Interessantes?“
„Wo? Hier?“
„Ja, wir machen eine Reportage quer durch Deutschland am 51. Breitengrad entlang, und hier im Selfkant fangen wir an. Gibt’s hier irgendwas Interessantes?“
Der Alte schaut verwundert. „Wat soll denn hier sein?“
Er blickt sich ratlos um und deutet dann mit dem Kinn nach Westen: „Da drüben is Holland. Aber hier? Hier is doch nix.“ Er nickt dem Reporter einen Abschiedsgruß zu, steigt wieder auf sein Rad und fährt. In seiner rostigen Kette zwitschert ein Vögelchen. Selfkant, das ist das Zettelende an Geweben, die Tuchkante. Der Landstrich heißt so, weil er viele Priester hervorgebracht hat.

Warum der Reisende den Nachtzug am einsamen Bahnhof von Baal verlassen hat, kann er nicht mehr sagen. Es gibt da auch nur wenige Spuren von ihm, mit rascher Hand gesprühte Strichfiguren an den Wänden in der Unterführung des ehemaligen Turmbahnhofs.

Der Turmbahnhof von Baal war im Anfang des 20. Jahrhunderts ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt. Hier kreuzten zwei Strecken. Das Gleis im Untergeschoss kam von Jülich und führte durch den Selfkant nach Dalheim. Dort traf es auf den Eisernen Rhein, eine Bahnlinie, die bis Antwerpen führte. Bis 1911 war der kleine Grenzort Dalheim für viele Auswanderer das Tor zu Neuen Welt. Sie mussten in Dalheim warten. Die Weiterfahrt durch die Niederlande und Belgien wurde ihnen erst gestattet, wenn im Hafen von Antwerpen ein Schiff für sie bereitlag.

Naegeli-Graffiti in Baal – Fotos: Bernd Kehren


Es ist unwahrscheinlich, dass der Reisende die Bedeutung des Turmbahnhofs von Baal gekannt hat. Denn eigentlich gibt es im Selfkant ja nichts. Rübenfelder, Priesteramtskandidaten und karge Bauernphilosophen sind kaum ein Anreiz, auf dem nächtlichen Bahnhof von Baal auszusteigen. Vielleicht hatte ihn auch der Ortsname Baal dazu veranlasst. Baal, der syrische Gott der Fruchtbarkeit, dem auch Kinderopfer dargebracht wurden.

Vermutlich geht der Ortsname im Selfkant tatsächlich auf einen heidnischen Gott zurück, auf den germanischen Lichtgott Baldur, dessen Name auch in Pulheim stecken soll, und in dem niederrheinischen Wort „Pouhl“, nl. poel, Wasserlache, Sumpf, engl. pool, Teich, Pfütze.

Nachdem der berühmte Züricher Sprayer Harald Naegeli seine Haftstrafe im Züricher Gefängnis abgesessen hatte, lebte er eine Weile in Düsseldorf. Baal liegt an der Strecke Düsseldorf – Aachen. Mein Freund Bernd hat 1999 die für Naegeli typischen Strichfiguren im Turmbahnhof von Baal entdeckt, fotografiert und sie Naegeli anlässlich einer Finissage in Düren gezeigt. Naegeli bestätigte, dass die Graffiti von ihm stammen, konnte sich jedoch nicht mehr erinnern, warum er jemals in Baal ausgestiegen war und dort seine Strichfiguren an die Wände gesprüht hat.

Denn wie gesagt: Eigentlich gibt es da ja nichts.

Komisches Design – Tischkondome

Das Wort „Husse“ ist mir erst spät im Leben begegnet. Ich musste fünfzig Jahre alt werden, bevor der Weltgeist mich für gefestigt genug hielt, das visuelle Unglück „Husse“ kennenzulernen. Damals trat ein junger Kollege in mein Leben ein, mit dem ich mich anfreundete. Nicht lange, da waren wir so vertraut, dass er mich arglos zu sich nach Hause einlud. Er hatte alle Stühle am Esstisch unter komischen Überzügen verborgen, verlor aber darüber kein Wort. Er fand es offenbar normal. Ich wollte nicht als Banause dastehen, sagte also auch nichts, zumal sich damals die Ehefrau gerade von ihm getrennt hatte und ich dachte, die Kondomisierung der Stühle stammte noch von ihr.

Natürlich war ich schon einmal bei einer Sparkassen-äh-dingens … gewesen. Ich glaube nämlich, dass die Hussen von den Sparkassen unters gemeine Volk gebracht worden sind. Sparkassen sind ja Körperschaften des öffentlichen Rechts, die einen Teil der Gewinne für gemeinnützige Zwecke zur Verfügung stellen müssen. Daher der Schulservice, die Kunstausstellungen in Kassenhallen, Förderpreise und dergleichen. Als Lehrer wurde manchmal ich zu Sparkassenveranstaltungen* eingeladen. Der Kassenraum war dann zweckentfremdet; es wurden Getränke und Häppchen gereicht, und man stand an Stehtischen. Diese Stehtische waren verborgen unter weißen Hussen. „Stehtischhussen“ gaben der Kassenhalle etwas unschuldig Festliches.

Der Essbereich meines Kollegen wirkte demgemäß ein wenig festlich auf mich, fast wie ein umdekorierter Kassenraum. Ich weiß ja nicht, welche brechreizenden Speisen seine Exfrau gereicht hat. Aber damals dachte ich wohl, wenn ich mal welche aus Gewinnsucht vergiften will, dann dekoriere ich Tisch und Stühle ganz unschuldig mit weißen Hussen wie bei der Sparkasse. Das Wort Husse kannte ich aber immer noch nicht. Erst als mir der Kollege diesen hübschen Text zu lesen gab, begegnete es mir ganz unerwartet.

Abstandsregeln vor Corona: Kondomisierte Stehtische gegen ungezügelte Fortpflanzung – in der Stadthalle Hannover (Bonatz Saal) – Foto: JvdL (Größer: Klicken)

Wie das im Leben so geht, kennt man das Wort, begegnet einem überall und allerorten die Sache. Es kann natürlich auch sein, dass Ikea die Hussen ins Programm genommen und somit zu ihrer volksnahen Verbreitung beigetragen hat. Weil Hussen genau besehen etwas ungemein Komisches haben, aber inzwischen keine Sparkasse, kein Hotel, kein Kongresscenter, kein Fest auf Stehtischhussen (Schlauchhussen) verzichten kann, glaube ich, hinter dieser Verblendung stecken die Hussiten und deren Prophezeiung wider die Unkeuschheit: „Tagungen gehen daneben, Konferenzen werden scheitern, Parteien sich zerstreiten, Hochzeiten übel ankommen, wenn die Hussen fehlen.“ Also sprach der Prophet: „Möbel ohne Hussen sind wie Gäste ohne Hosen.“

    *) Bei einer dieser Sparkassenveranstaltungen ( es sprach ein Professor für Pädagogik) hörte ich von ihm folgenden Witz, der inzwischen mein Lieblingswitz ist:
    Ein Finne, ein Schwede und ein Däne sollen hingerichtet werden und haben jeweils noch einen letzten Wunsch frei. Der Finne sagt: „Ich will mich noch einmal richtig besaufen!“ Der Schwede sagt: „Ich habe während meines Gefängnisaufenthaltes Pädagogik studiert und möchte einen Vortrag halten über die Besserung des Menschen durch Erziehung.“ Da sagt der Däne: „Und ich möchte hingerichtet werden, bevor der Schwede seinen Vortrag hält.“

Vor dem Gewitter

Vor einer Weile schrieb eine Aachen-Bloggerin über die legendäre Galerie „Gegenverkehr“ und erinnerte an den Hausmeister, einen Studenten, der unterm Dach wohnte und die Galerie bei Bedarf aufschloss. Die Bloggerin war damals ein Mädchen gewesen und schrieb, in diesen Mann wäre „jede, aber auch jede Frau ein bisschen verliebt gewesen.“ Es war Jeremias Coster, späterer Professor für Pataphysik an der Technischen Hochschule Aachen. Als ich ihn vor Jahren kennenlernte, hatte Coster den Tisch 43 vor dem historischen Lokal Postwagen am Markt zu seinem Stammplatz gewählt. An sonnigen Tagen konnte man ihn hier treffen, wie er in sein Moleskinbüchlein schrieb und ein gepflegtes Glas Kölsch hob.

Schon oft hatte ich erlebt, wie sich Coster in Lokalen die Aufmerksamkeit der Bedienung sicherte. Wenn eine Kellnerin an den Tisch trat, um die Bestellung aufzunehmen, fragte Coster, wie sie heiße. Sofort nannte er sie bei ihrem Vornamen, hängte freundliche Worte hinten an, und wenn die Kellnerin zurückkam, um zu servieren, waren alle anderen schon unsichtbar. Coster begann in den Augen der Kellnerin zu leuchten, denn er fuhr fort, sie mit der größten Liebenswürdigkeit zu behandeln. Allerdings verstand Coster zu teilen. Sein Glanz überstrahlte bald den ganzen Tisch, und so wurden alle bevorzugt bedient.

Es war im Sommer, ein sonniger Tag in Aachen, anfänglich. Später sollten sich über unseren Köpfen tiefgraue Wolken ballen, am Tisch 43 vor dem Aachener Postwagen ein heftiger Wind gehen und Regen herabklatschen, so dass wir ins Lokal flüchten mussten. Damals war ich aus Hannover zu Besuch und nächtigte drei Tage bei Coster. Wie immer hatte er Termine, so auch die Verabredung mit zwei Freunden am Postwagen. Sie arbeiteten bei der Zeitung, und einer war der Chef des anderen. Im aufkommenden Gewitter sollte der Zeitungschef noch rasch von einer Wespe gestochen werden, und das geschah, nachdem er versucht hatte, Costers Bann zu brechen. Das hätte er besser gelassen, denn er rief die versammelten Kräfte der Pataphysik gegen sich auf.

Die beiden Zeitungsleute kamen kurz nach uns an, ein launiges Gespräch ging hin und her über den Tisch, da entschuldigte sich Coster und verschwand im Lokal. Der Zeitungschef wartete, bis Coster außer Sicht war, zog ein gefaltetes DIN-A4-Blatt aus dem Jackett, klappte es siegesgewiss auf und zeigte es. Er hatte sich im Internet kundig gemacht, auf der Seite des Lokals alle Kellnerinnen mit Namen und Foto aufgeführt gefunden und die Liste ausgedruckt. Als sich eine Hand nach dem Farbdruck ausstreckte, stopfte der Zeitungsmann ihn rasch zurück ins Jackett. Er wollte sich seines Machtmittels nicht berauben lassen.

Bald kam Coster zurück in die Runde, die Kellnerin trat an den Tisch, ich wartete auf den großen Moment des Zeitungsmanns, aber der zuckte nicht einmal, so dass alles seinen gewohnten Lauf nahm. Just diese Kellnerin hatte er nämlich nicht auf seiner Liste. Bald schlug er sich ans Gesicht, da hatte ihn die verirrte Wespe gestochen. Sein Handy gab Laut, er wurde abberufen und war fort. Dann das Gewitter.

Mein Leben als Cyborg

Heute vor fünf Wochen wurde ich am Beinbruch operiert. Morgens wurde ich auf den OP-Tisch geschoben, dann wieder zurück ins Bett und aufs Zimmer, weil das einzige OP-Team vom Sonntag einen Notfall behandeln musste. Ich wartete auf meine OP bis 17 Uhr. Früher hat man Beinbrüche gerichtet und mit Gips stabilisiert. Man kennt das Bild eines gewaltigen Gipsbeins noch aus Hitchcocks „Fenster zum Hof.“ Der arme Patient hatte extra einen Kratzer gegen das Jucken am Bein. Wurde der Gips nach sechs Wochen entfernt, war das Bein nur noch Haut und Knochen.

Heute löst die Medizin das eleganter. Den Gips habe ich quasi im Bein, nämlich einen 30 Zentimeter langen, mit zwei Schrauben stabilisierten Nagel. Der Chirurg sagte, er habe es so gut gemacht wie für den eigenen Vater. Inzwischen sind die drei kleinen Wunden der minimalinvasiven OP verheilt, ich bin fast schmerzfrei, darf aber das rechte Bein nur bis 20 Kilogramm belasten. Wenn alles gut geht, werde ich Anfang August in Aachen die Reha antreten. In schmerzvollen Tagen nach der Operation, als ich zur Untätigkeit verurteilt war und die vom Arzt prognostizierten sechs bis acht Wochen sich wie ein gewaltiger Berg vor mir erhoben und mich zu erdrücken drohten, stahl sich ein Hoffnungsschimmer zu mir durch und hielt mich aufrecht, nämlich am Ende der Leidenszeit drei Wochen in meiner alten Heimat verbringen zu dürfen.

Übrigens bin ich jetzt ein Cyborg, also ein Mensch mit dauerhaft künstlichen Bauteilen im Körper. Ich besitze einen Implantats-Ausweis, in dem sieben Bauteile aufgeführt sind, hergestellt im Schleswig-Holsteinischen Schönkirchen. Die Bescheinigung muss ich mitführen, falls ich einmal in einer Sicherheitsschleuse unangenehm auffalle. Ob mein Bein auch magnetisch ist, weiß ich nicht. Aber es schadet ja nichts, anziehend zu sein.

Ein Schlüsselmoment

Der Morgen graute. Ich lag noch da und lauschte auf die frühen Geräusche im Haus. Helle Stimmen zweier Frauen, das Scheppern eines Tabletts. Draußen wieherte ein Pferd. Derweil ich darüber nachdachte, wie kurios dieser Laut ist und wie es wohl sein mag, wenn ein anderes Pferd das Wiehern eines Artgenossen hört, welche Bedeutungen, Nebenbedeutungen und Zwischentöne es wahrnimmt oder ob es im Wiehern nichts erkennt als die Welt seiner Pferdenatur. Derweil also wurde am Himmel eine Tür geschlossen. Sie fiel satt ins Schloss, löste in der Morgenluft eine Erschütterung und eine Druckwelle aus, was auf Größe und Schwere schließen ließ.

Kennst du das beklemmende Gefühl, wenn du deine Wohnungstür von außen ins Schloss ziehst und dir im Einschnappen des Schlosses klar wird, dass du ohne Schlüssel aus der Wohnung getreten bist und dich ausgesperrt hast? Vermutlich nicht. Vermutlich bist du zu vorsorglich, hast einen Ersatzschlüssel beim Nachbarn deponiert oder draußen unterm Stein verborgen. Ich dagegen kenne das Gefühl genau, kenne das Bedauern und den Wunsch, das Zuziehen rückgängig zu machen, und gleichzeitig zu wissen, dass es im Leben Ereignisse gibt, die dich von jetzt auf gleich in eine Notlage bringen. Wir haben im Deutschen das treffende Wort „Schlüsselmoment“, was natürlich nicht nur die fälschlich zugezogene Haustür und den fehlenden Schlüssel meint.

Der Schlüsselmoment ändert unseren Lebensweg drastisch. Als ich nach einer schönen Feier in geselliger Runde eine Treppe hinabstieg, um beim Abräumen des Tisches zu helfen, war ich in Gedanken schon unten, übersah die letzte Stufe und erlebte im Sturz den Schlüsselmoment, der mir einen Weg in Schmerz und wochenlange Hilfsbedürftigkeit erschloss. In diesem Fall betraf es auch alle in meinem Umfeld. Es war ein soziales Ereignis. Ich plumpste in deren Leben wie ein Stein ins Wasser. Wie die kreisförmig nach außen strebenden und langsam verebbenden Wellen wurden, die mir am nächsten sind, am stärksten in den Schlüsselmoment einbezogen.

So muss auch die zufallende Tür am Himmel ein soziales Ereignis gewesen sein, wenngleich ich nur meine beschränkte Perspektive habe. Es blieb im Haus merkwürdig still, als würde man innerlich nach imaginären Schlüsseln kramen, als am Himmel schon die nächste Tür mit sattem Laut und Erschütterung zufiel. Das ging den ganzen Tag so, ein Zufallen gewaltiger Türen, von denen kein Schemen zu sehen war. Ich kann nur schildern, was ich fühlte, denn ringsum verstummte man. Jede, jeder gab sich den Empfindungen hin. Sie waren so niederdrückend, dass nicht nur die Journaille in Schweigen verfiel, sondern das Netz der Asozialen Medien in Lähmung erschlaffte. Kunde kam von denen weit draußen, die in ihrer Einsamkeit verzweifelt riefen. Es ist erstaunlich, an welch entlegenen Orten sich Menschen aufhalten. Kein Fleckchen Erde, von dem nicht zufallende Himmelstüren gemeldet wurden.

Als Kind hatte ich einen wiederkehrenden Alptraum. Da waren Zahlen, die von mir wegstrebten und im Wegstreben immer größer wurden. Ich hingegen fühlte mich klein und hilflos, schien zu schrumpfen, je größer die Zahlen wurden. Jede zufallende Tür erschütterte mein Gemüt bis ins Mark und ich wand mich unter der Verlorenheit des kindlichen Alptraums. Warum geschieht uns Menschen dies? Wo haben wir es an Vorsorge fehlen lassen? Warum werden wir ausgesperrt?

Trithemius unchained

Im Hof meines Zuhauses in Linden-Mitte hängt an einem Geländer einsam ein schweres Fahrradschloss, nicht so ein dünnes Kabel, auf das ein Fahrraddieb nur spucken würde, sondern eine schwere ummantelte Kette mit einem mächtigen Verschluss. Kette und Schloss könnten einen Elefanten tragen, aber das habe ich natürlich nicht ausprobiert.
Das Schloss ist ein stummes Zeugnis der Unwägbarkeit des Lebens, denn als ich vor fünf Wochen etwa mit dem Fahrrad aufbrach, dachte ich nicht daran, dass ich so bald nicht wiederkommen würde. Das Schloss ließ ich zurück, weil ich mein Fahrrad am Zielort sicher unterstellen konnte.

Obwohl das Schloss ein Geschenk gewesen ist, habe ich es nie gemocht. Manchmal dachte ich beim Radfahren, ich hätte ein dickes Kind auf dem Gepäckständer oder einen Kasten Bier. Aber da hing nur mein Fahrradschloss. Und die Leute erst, die haben, wenn ich vorbeifuhr, bestimmt gedacht, da kommt wieder der Mann auf dem Fahrrad, das wie ein mächtiges Fahrradschloss aussieht. Da hatte ich oft den Impuls zu sagen: „He, Leute, was ihr seht, das ist nicht mein Fahrrad, sondern nur das Fahrradschloss.“

Auch bevor ich durch Sturz und Beinbruch stillgelegt wurde, habe ich dieses übermächtige Fahrradschloss nicht immer mitgenommen. Ich habe es es schon früher einfach im Hof angeschlossen, vielmehr den Hof an mein Schloss. Seither ist der Hof noch nie gestohlen worden, denn selbst ausgemachte Haus- und Hofdiebe würden vor dem Anblick meines Fahrradschlosses erblassen.

Einst war ich ohne das monströse Teil unterwegs. Als ich an einem Supermarkt auf der belebten Limmer Straße vorbeikam, hatte ich spontan den Wunsch einzukaufen. Vor dem Eingang stand ein Berber und hielt der ein- und ausströmenden Kundschaft einen Plastikbecher hin. Ich stellte mein Fahrrad neben ihn und sagte: „Hallo, könnten Sie mal eine Weile auf mein Fahrrad aufpassen?“ Dabei legte ich ihm einen Euro in den Becher. „Aber ja“, sagte er. „Ich stelle mich direkt daneben!“ und stellte sich direkt daneben.

Nach dem Einkauf kaufte ich beim Vorkassenbäcker noch zwei Stück Kuchen in getrennten Tüten. Draußen stand der Berber schützend vor meinem Fahrrad. Er hatte es parallel zum Schaufenster geparkt und sagte: „Ich habe Ihr Rad zur Seite gestellt. Ein Platz wurde frei, da habe ich es dahin gestellt.“
Ich dankte ihm, hielt die Tüten hoch und sagte: „Kirschstreusel oder Walnussplunder?“
„Ach, nein, danke“, sagte er. „Ich habe ja keine Zähne mehr und hab es nicht so mit Kuchen.“ Da gab ich ihm noch mal Geld, versäumte aber zu fragen, was er denn überhaupt noch essen kann. Vermutlich nur Suppe. Jedenfalls dachte ich, es ist gar nicht so einfach, jemandem eine Freude zu machen, wenn man nicht mal weiß, dass er keine Zähne mehr hat. Also, wenn Hilfe zu weit oben ansetzt und den anderen zu sehr festlegt, dann ist’s keine Hilfe. Er hat mir meine Ungeschicklichkeit aber nicht verübelt, sondern rief mir noch „Gehabt euch wohl!“ hinterher.

Zu Hause schloss ich den Hof an meinem Rad fest und war ziemlich froh, dass ich mal wieder ohne Schloss unterwegs gewesen war. Ich habe derzeit noch vier Wochen Kurzzeitpflege und etwa drei Wochen Reha vor mir. Also werde ich frühestens in etwa zwei Monaten nach dem Schloss sehen können. Es wird da hängen, mir einen Gruß zuklimpern, aber mir ganz fremd geworden sein. Vielleicht bekenne ich mich nicht mehr zu ihm und lasse es einfach dort, denn ich will mir sowieso ein bequemeres Fahrrad kaufen.

Radeln rund um den Drehturm

Mein Sohn berichtete mir von einem Experiment. Die Probanden sollten mit dem Zeigefinger eine komplizierte Bewegung vollziehen, die Kontrollgruppe sollte sich den Bewegungsablauf nur vorstellen. Am Schluss des Experimentes hatten beide Gruppen Muskeln aufgebaut. Jetzt weiß ich natürlich nicht, ob es sinnvoll ist, einen muskulösen Zeigefinger zu haben, es sei denn, man wollte sich im Freiklettern üben und mit einem Finger an einem Felsvorsprung hängen. Manchmal wird ja auch der pädagogische Zeigefinger gebraucht. Es geht aber um den Transfer.

Da ich derzeit ein Bein nicht voll belasten darf, aber nicht so viel Muskelmasse verlieren will, versuchte ich, mir Radfahren vorzustellen, was aber schwer geht, wenn es zu abstrakt bleibt. Zur Konkretisierung dient der folgende Text vom Radfahren über den Lousberg in meiner alten Heimat Aachen. Ihn zu lesen, kann ich jeder/jedem empfehlen. Leichter ist ein Muskeltraining nie gewesen. Es reicht, sich das Kurbeln der Pedale vorzustellen, wobei uns natürlich am Runden Tritt gelegen ist, dem Geheimnis des effektiven Radfahrens.

Rund um den Drehturm

Wir fahren mit dem Rad zum Aachener Lousberg und drehen dort oben eine Runde. Den direkten Weg zum Lousberg zu nehmen, schließen wir aus. Die Anfahrt wäre zu kurz und zu steil, so dass wir uns quälen müssten, weil die Muskeln noch nicht warm sind.
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Häuser machen Leute

Ende der 1980-er Jahre hat man bei uns begonnen, klebrige Architektur zu bauen, als hätten die Architekten ihre Pläne und Modelle vor Baubeginn noch rasch mit Honig übergossen, um ihnen den letzten Schliff zu geben, wobei ich natürlich auch weiß, dass Honig nicht schleift. „Letzter Schliff“ ist hier metaphorisch zu verstehen, obwohl es erfreulich gewesen wäre, hätten sie einen Schleifklotz mit grobem Sandpapier genommen und all die nutzlosen, eklektizistischen Elemente, mit denen sie ihre geistlosen Entwürfe aufgehübscht haben, gnadenlos abgeschmirgelt.

In einem derart klebrigen Gebäudekomplex halte ich mich gezwungener Weise auf. Er sieht auf den ersten Blick ganz hübsch aus, offenbart aber das Klebrige auf den zweiten. Im Aufenthaltsraum stehen acht riesige weinrote Plüschsessel, die niemand will, denn sie sehen nicht nur bescheuert aus, sind zudem unbequem und „lassen sich nicht abwaschen“, wie eine Pflegerin sagte, stellen also zudem ein Hygieneproblem dar. Falschgoldene Wandleuchten auf apricot Wandfarbe, Möbel in Nussbaumoptik. Das gesamte Interieur ist mit per Container aus Dubai angeliefert worden, denn „wenn sie tief genug graben nach den Besitzern der Firmengruppe, die dieses und andere Pflegeheime besitzt, landen Sie in Dubai“, sagt eine der wenigen deutschsprachigen Angestellten.
Nicht nur „Kleider machen Leute“ wie in Gottfried Kellers Novelle geschildert, sondern auch „Häuser machen Leute.“ Sie haben etwas Falsches, als stünden sie im schiefen Winkel zum Leben. Es kostet Kraft, dem zu widerstehen. Gestern beispielsweise tritt einer in der blauen Regenjacke an mein Lager und sagt: „Ich muss Ihnen eben Blut abnehmen.“

Ich denke, da könnte ja jeder kommen, und frage: „Und wer sind Sie?“
„Ich bin Doktor Sowieso. Dr. Wolf ist gestern bei Ihnen zur Visite gewesen und hat gesagt, dass ich Ihnen Blut abnehmen soll.“

Aha, er ist also der dritte Arzt aus der Gemeinschaftspraxis, die in dieser Einrichtung ein und aus geht. Aber gestern Visite? „Dr. Wolf ist gestern keineswegs bei mir gewesen. Warum sollen Sie mir Blut abnehmen?“

„Gute Frage, das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich weiß gar nicht, was Sie haben, kenne auch Ihre Akte nicht.“

„Das ist aber keine ärztliche Sorgfalt.“

„Ich gucke mir Ihre Akte gleich nochmal an“, versprach er und band meinen Arm ab, zwecks Blutabnahme. Man hat in der Einrichtung viel mit Dementen zu tun, entsprechend die Nonchalance gegenüber den „Bewohnern“ genannten Patienten. Denen kann man viel erzählen, braucht sich für nichts zu rechtfertigen.

Dr. Wolf findet bedenklich, dass ich Zucker in den Kaffee gebe und lässt mich einen Tag per Fingerpiekser auf Diabetes testen, aber man verteilt hier Orangenlimonade und nachmittags Kuchen oder Stutenschnitte mit Marmelade, heute sogar zum Frühstück. So schafft man ein Problem, das der Arzt dann mit Behandlung löst.

Die Blutuntersuchung hat vermutlich einen erhöhten Cholesterin-Wert ergeben, kein Wunder, wenn man mir hier ständig Butter als Streichfett serviert. Gestern nun hatte ich bei meinen Tabletten eine kleine mir unbekannte Pille. Ich nahm sie nicht, sondern zeigte sie der Stationsschwester und fragte, was das wäre. Sie tat erstaunt, meinte, sie müsse nachsehen und nahm sie mit. Heute behauptete sie, sie wisse nicht, welche Tablette das sei. Ich sagte: „Egal was. Man kann nicht hinter meinem Rücken den Medikamentenplan ändern. Ich bin noch nicht entmündigt, habe lediglich ein gebrochenes Bein.“

In der Nacht wieder Alptraum. Ich habe kalte Füße, weil das Laken nach oben gerutscht ist. Am Fußende hat sich eine Frau aus Celle niedergelassen und achtet darauf, dass die Füße draußen bleiben. Man wird sagen, das alles habe nichts mit der Architektur zu tun. Da entgegne ich: Einheit von Form und Inhalt.