Jüngling der Schwarzen Kunst – Aufwachen

Hannes genoss das Anheimelnde, geschützt zu sein und zu hören, wie der Regen aufs Dach prasselte. Während er noch seine Haare trocken rubbelte, hatten die anderen schon ihre Nesselschlafsäcke auf den Feldbetten ausgerollt, waren hinein gekrochen und hatten sich die Decke über die Ohren gezogen. Die beiden Studenten saßen auf ihren Betten und beobachteten Hannes.

„Hoi, wo kommt ihr vandaan?“, fragte der eine, ein hübscher junger Mann mit blonden Haaren.
„Aus der Nähe von Köln und ihr?“
„Uit Amsterdam.“
„Kölner Dom, Kölsch Bier“, sagte der zweite Student wissend. Unvermittelt fragte er: „Was haltet ihr da in Köln vom Vietnamkrieg?“
„Vietnamkrieg? Ähem“, sagte Hannes verlegen. Er hatte dazu keine besondere Meinung. Am Rosenmontag waren die Freunde und er in Köln gewesen. Da waren ihnen Jugendliche begegnet, die Hand in Hand durch die Straßen streiften und jeden einfingen und einreihten, der ihnen in die Quere kam. Diese Menschenketten hatten „Ho-Ho-Ho-Chi-Minh!“ skandiert. Ho-Chi-Minh war in Vietnam der kommunistische Gegenspieler des US-Präsidenten Lyndon B. Johnson, wusste Hannes. Er hatte die einseitige Parteinahme ungerecht gefunden. Die Freunde und er waren ebenfalls als Menschenfänger losgezogen und hatten „Jo-Jo-Johnson!“ gerufen, was zugegeben weniger gut klang als „Ho-Ho-Ho-Chi-Minh!“ Trotzdem hatte er plötzlich links und rechts je ein hübsches Mädchen im Arm gehabt, sie abwechselnd geküsst, sich belohnt und bestätigt gefühlt.
„Die Amerikanen tun Unrecht in Vietnam“, sagte der Blondschopf.
„Kriegsverbrechen an die Bevölkerung“, bestätigte der andere.

Was denn? Die Amis sind doch die Guten, dachte Hannes. GIs wie Gus Backus und Bill Ramsey haben lustige Lieder gesungen. Sogar Elvis hatte einen Titel auf Deutsch aufgenommen, als er in Deutschland stationiert war. Und Hannes hatte erst letztens mit Frank das Sing-Out-66-Konzert in der Aula des Grevenbroicher Kreisgymnasiums besucht. Lauter brave Jugendliche aus den USA, die Jungs adrett gescheitelt in Anzug und Krawatte, die Mädchen blitzsauber in Kleiderröcken und hochgeschlossenen weißen Blusen hatten positive Lieder gesungen und für moralische Aufrüstung geworben. Hannes erinnerte sich allerdings, dass ihn im Konzert etwas gestört hatte. Einmal hatte sich der Schlagzeuger der Begleitband grandios vertrommelt. Plötzlich war Ärger in den Gesichtern der Gesangsgruppe, und Hannes war schockiert gewesen, wie das Lächeln in ihren Gesichtern erstarrte und wie feindselig sie den armen Jungen angestarrt hatten. Es war nur ein Moment gewesen, aber der hatte ihn unangenehm berührt. Dieses Aus-der-Rolle-fallen hatte in Hannes den Zweifel an der Botschaft schlechthin genährt.

Während die beiden Holländer weiter von Gräueltaten redeten, von Massakern an Zivilisten, dass GIs mit Hubschraubern Jagd auf Frauen und Kinder machten und sie einfach so abknallten, sah Hannes sein Weltbild bröckeln. Wie oft hatte er als Kind seine Mutter begleiten müssen, wenn sie beim Bauern im Feld gearbeitet hatte. Und wie furchtbar wäre es gewesen, wenn Soldaten aus dem Hubschrauber auf sie geschossen hätten. Er schämte sich plötzlich, dass er wie ein Depp: „Jo-Jo-Johnson!“ gerufen hatte und war den beiden Studenten dankbar für die Aufklärung. Aber wie kam es, dass von Kriegsverbrechen der Amerikaner nichts im Mittag stand? Er würde zukünftig alles hinterfragen müssen, was die Zeitungen schrieben oder was man ihm von der Welt erzählte.

Als Hannes später neben den anderen in seinem Feldbett lag und auf den prasselnden Regen horchte, regte sich bei Karl-Heinz etwas. Er hatte seine Füße unter dem Bettlaken hochgestellt, bildete mit den Knien ein Zelt und schaute an sich hinunter. Dabei gab er eine minutenlange Reportage des Geschehens: „Er schwillt an. Er steigt, er steigt, oja, er steigt, er stellt sich auf, jetzt steht er stocksteif, prächtig, prächtig, jetzt senkt er sich wieder.“ Es imponierte Hannes, wie freudig Karl-Heinz seine sexuellen Regungen begrüßte. Zum Glück schlief Ludwig schon. Der Depp hätte den Moment mit seinem Todsünde-Geschrei verdorben.

2 Kommentare zu “Jüngling der Schwarzen Kunst – Aufwachen

  1. In den 1960-er Jahren gab es in der Kölnischen Rundschau jeden Tag eine neue Folge eines Comics für Kinder. Ich glaube, sie hiess „Petzi, Pelle und Pingo“. Die las ich jeden Tag, anderes interessierte mich damals noch nicht. Wenn ich wüsste, dass garantiert jeden Tag zur gleichen Zeit eine neue Folge Deines Fortsetzungsromans erscheinen würde, könnte ich mich – wie damals – immer schon vorher ein bisschen drauf freuen und mich dann drauf stürzen.

    Gefällt 1 Person

    • Lieber Dieter, In den letzten Tagen habe ich ja immer um 0:01 Uhr einen neuen Jüngling-Beitrag veröffentlicht. Es hat mir geholfen, mich mit meiner derzeitigen Lebenssituation zu arrangieren. Heute gibt es leider eine Unterbrechung, einen anderen Text. Denn ich reise morgen in die Anschlussheilbehandlung nach Aachen. Von dort hoffe ich regelmäßig bloggen zu können, sicher auch Jüngling der Schwarzen Kunst. Danke für dein Interesse und den hübschen Vergleich mit „Petzi, Pelle und Pingo“ 😉

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.