Jüngling der Schwarzen Kunst – Herrenalb

Im Laufe des Nachmittags fing es wieder an zu regnen. Mit grimmigem Mut und regenblind quälten sie sich die Anhöhen des Schwarzwalds hinauf. Für solche Steigungsprozente waren ihre Schaltungen nicht ausgelegt. Ludwig hatte an seinem geliehen Fahrrad sogar nur eine Dreigang-Nabenschaltung. Gesprochen wurde auch während der Verschnaufpausen kaum. Sie verfluchten die Abfahrten von einmal erkämpften Höhen, wenn der Fahrtwind eisig durch ihre nassen Klamotten fuhr und sie schlottern ließ. Auf dem letzten Teilstück zur Jugendherberge musste sie sogar absteigen und ihre bepackten Fahrräder den Anstieg hoch stemmen. Inzwischen hatten sie ein durchgängiges Prinzip erkannt, dass Jugendherbergen stets oben auf einem Berg lagen. „Selbst wenn es weit und breit nur einen einzigen Berg gibt, steht da die Jugendherberge“, sagt Karl-Heinz wie zur Entschuldigung, dass er ihren müden Beinen diese letzte Anstrengung abverlangte.

„Klar! Jugend soll Weitblick bekommen“, sagte Theo. Die Jugendherberge Herrenalb lag am Waldrand und war nebelverhangen. Dunstschwaden aus Regen zogen über die Gebäude. Sie schienen sich darunter zu ducken. Von wegen ‚Weitblick‘, dachte Hannes.

Sie kamen fünf Minuten vor Anmeldeschluss. Die Hausmeisterbude der Jugendherberge war von aufgekratzten Kindern umlagert. Ein genervtes Paar versuchte, die vielfältigen Wünsche zu erfüllen. Manche wollten Ansichtskarten, manche Briefmarken, andere verlangten nach dem Schlüssel für den Spieleschrank, wollten Aufkleber kaufen, meldeten eine Wasserpfütze auf dem Flur. Es dauerte eine Weile, bis Karl-Heinz zur Anmeldung durchdrang. Der Herbergsvater musterte das triefende Häuflein der Freunde und sagte: „Ihr wollt hier übernachten? Jetz glaub i des au no. Alle Zimmer sind belegt. Wir hebbed hier zwoi Schulklassen aus Hamburg. Des reicht. Bei meiner Frau liegen die Nerven blank von dem Krach, den die veranstalten. Und die Lehrer kümmern sich nicht.“
Die Kindr sind nur so laud, weil sie ja ned raus könned bei däm Regen“, sagte seine Frau.
„Wir haben eine Nachtfahrt hinter uns, sind fast nur durch Regen gefahren und völlig erschöpft“, sagte Karl-Heinz und schaute die junge Frau treuherzig an. „Sie wollen uns doch sicher nicht wieder hinaus in das Unwetter schicken.“
Sie raunte ihrem Mann etwas zu. Das junge Paar beriet sich leise. Dann sagte der Herbergsvater: „,Na guad. Ihr könnd eich bei mainr Fra bdanka. Wenn ihr mid däm Dachbode im Nebengebäud zfrieda seid, nehma mir eich für dies Nächtle uf. Es gibd da abr nur Feldbedda.“
„Da sind scho zwoi Studenten aus Holland“, ergänzte seine Frau, „sehr freundliche jung Männr.

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