Jüngling der Schwarzen Kunst – Nässe

Die Ängste, deretwegen Karl-Heinz die Freunde aus ihren Schlafsäcken hochgescheucht hatte, waren absurd. Trotzdem fügten sich alle, noch in tiefer Nacht zu packen und wieder aufs Rad zu steigen. Wie sich zeigen sollte, hätten sie sowieso nicht länger im Straßengraben liegen können, denn bald begann es ergiebig zu regnen. In kurzer Zeit waren sie durchnässt. Als die Landstraße wieder in einen Wald eintauchte, beschlossen sie, unter den Bäumen Schutz zu suchen. Doch der Nadelwald bot wenig davon. Es regnete durch, und was nicht zu Boden kam, triefte satt von den Zweigen. Theo hatte eine einzelne dreieckige Zeltplane vom Militär bei sich. Sie war dafür gedacht, durch gleichartige zu einem Zelt ergänzt zu werden. Daraus und mit den Müllsäcken bauten sie einen notdürftigen Unterstand, was nicht einfach war in der Finsternis des Waldes.

Es hatten darunter sowieso nicht alle Platz, also sollte einer draußen bleiben und Wache halten. Der Terminus „Wache halten“ hatte sich vermutlich allein durch seine Existenz als sinnvolle Tätigkeit qualifiziert, obwohl es im nächtlichen Wald bei strömendem Regen nichts zu bewachen gab. Hannes übernahm die erste Wache, denn die Aussicht, in einen durchnässten Schlafsack zu kriechen, war nicht verlockend. Nach einer Stunde löste Frank ihn ab. Es regnete noch immer, und Frank hatte sowieso nicht schlafen können. Hannes hatte am Stamm einer mächtigen Fichte gehockt. Als Frank neben ihn kam und sich ebenfalls an den Stamm lehnen wollte, fiel er mit einem erstaunten Ruf hinten über und purzelte einen Abhang hinunter, was Hannes in der Schwärze des Waldes nur als Hörbild mitbekam. Frank musste tief gefallen sein, denn es dauerte lange, bis er sich stöhnend und leise fluchend wieder hoch gekämpft hatte. Sie blieben zusammen wach, bis es dämmerte.

Der Aufbruch der Gruppe war unerfreulich. Mit durchnässter Kleidung in der Morgenkühle aufs Rad zu steigen, macht einfach schlechte Laune. Auch wurden sie von Hunger und Durst geplagt. Immerhin ging bald die Sonne auf; und in der Ferne zeigte sich ein Dorf. Sie hofften, dort eine Bäckerei zu finden, die zeitig öffnete. Bei einem Halt erwies sich Ludwig wieder als unsozialer Gefährte. Sie hörten es plötzlich plätschern. Da stand er abseits mit seiner offenen Feldflasche, aus der noch immer Wasser rann. Erbost stellten sie ihn zur Rede, weil sie alle nichts mehr zu trinken hatten, und er rief uneinsichtig: „Isch muss mir doch de Zäng putze!“

Ein Gefühl der Erleichterung durchströmte Hannes, als sie im Dorf eine bereits offene Bäckerei fanden, wo sich alle versorgen konnten. Hannes kaufte eine Flasche Kakao und acht Teilchen für insgesamt 1,20 DM. Sie verließen den Ort, um einen schönen Platz zu finden. Inzwischen wärmte die Sonne, und aus den Weinbergen entlang der Straße stieg der Dunst auf. Bei einem breiten, mit Gras bewachsenen Feldweg, der hinauf in den Weinberg führte, hielten sie und verschlangen ihr Frühstück. Dann legten sie sich rücklings in die Sonne und ließen sich trocknen. Hannes schlief bald ein und schlummerte köstlich. Als sie erwachten, stand die Sonne hoch am Himmel.

2 Kommentare zu “Jüngling der Schwarzen Kunst – Nässe

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