Jüngling der Schwarzen Kunst – Selbstbefleckung

Seine Mutter legte ihm wortlos ein Paket Tempotaschentücher aufs Nachtschränkchen. Sie hatte offenbar die Flecken auf dem Bettlaken entdeckt. Hannes fühlte sich schuldig, weil er ständig gegen das sechste Gebot verstieß. Er markierte in einem Kalender, wann er schwach geworden war und versuchte möglichst viele Tage zu überstehen, ohne dass er Hand an sich gelegt hatte. Als er seinem Freund Frank von seiner Methode erzählte, sagte der erleichtert, „Ja, das mache ich ab jetzt auch.

“Selbstbefleckung“ hieß das in der verklemmten katholischen Morallehre. Sie alle litten unter der Diskrepanz zwischen verklemmter Sexualmoral und dem immer stärker sich meldenden Sexualtrieb. Der Verklemmteste war Ludwig, ein Junge, der bei Nachbarn die Ferien verbrachte. Für ihn war schon Küssen eine „Todsünde.“ Zuerst hatten sie nur mit ihm auf dem lichtlosen Bauernhof seiner Verwandten gestanden und unter dem Sternenhimmel über Sokrates gesprochen, der zeitweise ihr Held war. „Ich weiß, dass ich nichts weiß, also weiß ich mehr als du.“ Das gefiel Hannes. Denn er litt darunter, dass er als einziger aus dem Freundeskreis nicht zum Gymnasium ging. Wie sinnvoll ihr Reden über Sokrates war, ließ sich nicht ermessen, zumal sie das in ihrer Sprache taten, dem für Geistiges ungeeigneten bäurischen Dialekt. Jedenfalls hatte Ludwig sich da als angenehmer Kumpan erwiesen, so dass sie beschlossen, ihn auf eine geplante Radtour zum Bodensee mitzunehmen.

Hannes freute sich darauf, endlich einmal wegzukommen aus dem engen Dorf und der nicht minder engen Setzerei. Auf dem Schulhof begegnete ihm Sonja. Sie hatte seine Schwester von der Arbeit nach Hause begleitet. Hannes hatte keine Lust, mit ihr zu sprechen, nachdem sie ihm letztens einen Korb gegeben hatte. Sonja wollte etwas über ihre Radtour wissen. Hannes spielte verstockt mit Schraube und Mutter, die er sich für sein Fahrrad besorgt hatte. „Ich rede mit dir!“, fauchte Sonja. Sie ertrug es nicht, dass Hannes sich ihren Reizen entzog und in Gedanken längst weg war. Sie war am hellen Tag nicht so schön, wie sie ihm beim Klammerblues im schummrigen Partykeller vorgekommen war. Mit den Ansätzen von Tränensäcken unter ihren Augen sah sie sogar ein wenig verlebt aus. Hannes konnte kaum noch verstehen, warum er Sonja nachgelaufen war. Es drängte ihn weg zu seinem Fahrrad, denn er wollte eine Schelle am Gepäckständer befestigen. Aus irgendeinem Topf hatte der Dorfpfarrer eine kleine Summe zu ihrer Radtour beigesteuert. Als Gegenleistung mussten sie einen kirchlichen Wimpel an einer Fiberglasstange mitführen. Sie verabredeten, den Wimpel abwechselnd am Fahrrad zu transportieren.

In der Nacht vor ihrem Aufbruch träumte er etwas ganz Versautes. Sonja trug das enge, hoch geschlossene Kleid und drückte sich an ihn. Unter dem glatten Stoff war sie nackt. Hannes spürte ihren Venushügel und ihre spitzen Brüste. Er hatte im Schlaf einen Samenerguss. Es gelang ihm, die Schuldgefühle wegzuwischen. Wenn es ohne seine Absicht geschehen war, mit einer Frau, die ihm gar nicht mehr gefiel, dann hatte nicht er, sondern der verklemmte katholische Gott einen Fehler gemacht.

6 Kommentare zu “Jüngling der Schwarzen Kunst – Selbstbefleckung

    • Es müssen unfassbar Viele sein. In eurem Alter mit absoluter Sicherheit, aber leider auch noch in allen nachfolgenden Generationen- Die (katholische) Kirche als System hat ja nicht plötzlich an Wahnsinn verloren! 🤔

      Einziger Vorteil für die Jüngeren in solchen Strukturen: es haben zum Glück immer mehr Aufklärung und Fortschritt in der Weltgemeinschaft stattgefunden- Die Kinder, die sich früher isoliert zu Tode geschämt hätten, können heutzutage zumindest googeln und ohne große Hindernisse erfahren, dass sie (wegen ihrer Sexualität) keineswegs schlecht und abnorm sind… 😮

      Trotzdem. Die Katholische Kirche *an sich* ist und bleibt ein rückschrittlicher, gewaltvoller und extrem zwielichtiger „Verein“. Find ich.

      Ganz herzliche Grüße! VVN

      Gefällt 1 Person

      • “ Die (katholische) Kirche als System hat ja nicht plötzlich an Wahnsinn verloren!“ ist treffend gesagt. Ich bin froh, mich früh schon von dem verlogenen Verein losgesagt zu haben undbedauere alle, denen das nicht gelungen ist. Mit Lichtenberg: „Und ich dank‘ es dem lieben Gott tausendmal, daß er mich zum Atheisten hat werden lassen.“

        Herzliche Grüße!

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.