Jüngling der Schwarzen Kunst – Zweifel

Es war wieder ziemlich warm im Glashaus. Hannes durfte seine Pause am Tisch halten, der am Ende der Gasse stand. Es war ihm trotz der Wärme Recht. So hatte er seine Ruhe, anders als im Pausenraum, wo einer der Gesellen auf die Idee kommen könnte, ihn noch rasch Einkaufen zu schicken. Er hatte sich am Kiosk den Mittag und eine Cola geholt, die noch schön kalt gewesen, als er sie hochtrug. Eigentlich hätte er noch den Rest Milch aus der Glasflasche trinken sollen, aus Vorsicht wegen der drohenden Bleivergiftung. Doch die war vermutlich sauer geworden. Er müsste sie wegkippen, brachte es aber nicht übers Herz. Lebensmittel verschwendet man nicht, hatte er als Kind gelernt. Er wusste, dass die Milch am nächsten Tag noch ekliger wäre, so dass er sie nicht trinken würde. Aber sie wegzukippen verschob er lieber auf morgen oder übermorgen. So war er und kam nicht an gegen seine Natur.

Im Mittag verfolgte er mit großem Interesse die Lebensbeichte eines Alkoholikers. Ein einst erfolgreicher Journalist schilderte hier eindringlich die Stationen seines Niedergangs. Hannes verstand nicht, warum einer, der so gut schreiben konnte, sich nicht in den Griff bekam. Er biss über der aufgeschlagenen Zeitung in sein Butterbrot. Es bestand aus einer Scheibe Graubrot mit jungem Gouda, gedeckelt mit einer Scheibe Schwarzbrot. Das Schwarzbrot hatte einen seltsamen Beigeschmack. Hannes kannte ihn. Er ging der Schimmelbildung voraus, die wie er wusste, bereits begann, bevor Schimmel zu sehen war. Er wagte nicht, das Brot wegzuwerfen. Brot warf man nicht in den Abfall. Hätte er gewusst, dass Schimmel auf dem Brot giftig ist, hätte er es nicht gegessen. Er spülte die Bissen jeweils mit einem Schluck Cola hinunter. Schimmel schreckte ihn nicht. Er sorgte er sich nur um die Bleivergiftung, obwohl keiner der ihm bekannten Schriftsetzer je eine gehabt hatte. Nur sein Onkel eben, der die Druckerei besessen hatte, war daran erkrankt. Aber auch das wusste er nur vom Hörensagen.

Dieser Onkel hatte es aber mit der Hygiene nicht genau genommen. In dessen Küche hing mitten über dem Esstisch ein klebriger Fliegenfänger, dick übersät mit Fliegen, die meisten tot nach langem Befreiungskampf. Eine hatte noch Leben in sich, wachte aus dem Erschöpfungsschlaf auf und zappelte sich brumend frei, doch war nicht flugfähig wegen der verklebten Flügel und plumpste genau in Onkel Josefs Kaffeetasse. Er fischte sie mit dem Zeigefinger heraus und trank den Kaffee seelenruhig weiter. Einer, den Fliegen im Kaffee nicht stören, aß vermutlich auch sein Butterbrot mit von Blei verdreckten Fingern.

Helmut Krug, ein neuer Geselle, kam herein. Hastig verschlug Hannes die Seite, denn unter der Lebensbeichte war ein halbnacktes Mädchen abgedruckt.
„Hallo Hannes, was liest du denn da?“
„Nichts besonderes, Herr Krug“, sagte Hannes und war froh, nicht beim Betrachten des halbnackten Mädchens erwischt worden zu sein.
Herr Krug war ebenfalls einer vom Kollegium Marianum, arbeitete vormittags als Schriftsetzer und holte abends auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nach, um später das Priesteramt zu studieren.
„Wo kriegt der Alte bloß immer die ganzen Betschwestern her?“, hatte Hof verächtlich gefragt.
Hannes hatte gedacht: Herr Krug ist menschlich und fachlich besser als du, Knallkopp. Krug hatte ein schmales, scharf geschnittenes Gesicht und kam wohl aus dem Süden, wie seine Aussprache verriet. Er war ein Mann ohne Arg, hielt den Kopf immer ein wenig seitlich geneigt, was irgendwie heilig wirkte, als stünde er schon am Altar. Von ihm kam nie ein böses Wort, obwohl die Kollegen in seiner Gegenwart frozzelten. Herr Krug trat näher und warf einen missbilligenden Blick auf die Zeitung.
„Warum liest du denn den Mittag, Hannes?“
„Ich muss doch lernen, wie es zu geht in der Welt, Herr Krug.“
„Aber doch nicht aus dem Revolverblatt.“
„Ist jedenfalls besser als die Kirchenzeitung“, sagte Hannes patzig. Im selben Augenblick tat es ihm leid, so frech gewesen zu sein. Herr Krug konnte ja nichts dafür. Aber die Kirche sollte ihm nicht die Lektüre vorschreiben. Wenn er nur Kirchenzeitung und Liboriusblatt las, würde er sein Leben lang dumm bleiben. Er hatte längst gemerkt, dass es neben den Wahrheiten der Kirche noch andere Wahrheiten gab. Das Leben außerhalb der engen Grenzen der Religion war wesentlich bunter, vielfältiger und praller. Er musste wieder an das halbnackte Fotomodell denken und war froh, dass Herr Krug die Gasse verließ, so dass er die Seite wieder aufschlagen konnte. Seit er die Pornos seines Bruders entdeckt hatte, war sein sexuelles Interesse geweckt.