Plausch mit Frau Nettesheim – Schwarzer Käfer

Trithemius
Uff, Frau Nettesheim.

Frau Nettesheim

Was?!

Trithemius
Seit dem Beinbruch ist mein Denken erlahmt, kreist nur noch schwach um Sachverhalte, an die ich gar nicht denken mag. Seit Tagen habe ich diesen fetten schwarzen Käfer vor Augen, der durch mein Bett im Horrorhaus gekrabbelt ist, als wäre er dort zu Hause.

Frau Nettesheim
Was kümmert Sie noch der Käfer? Sie sind dem Horrorhaus längst entkommen.

Trithemius
Wenn Astronomen im All ein unbekanntes Objekt entdecken, haben sie keine Ruhe, bis sie sich die Herkunft erklären können. Ebenso geht es mir, seit im Mikrokosmos meines Bettes der Käfer auftauchte.

Frau Nettesheim
Ich frage Sie lieber nicht nach dem Ergebnis der Theoriebildung.

Trithemius
Weil Sie eine Ignorantin sind?

Frau Nettesheim

Weil ich mir keine unappetitlichen Spekulationen anhören will.

Trithemius
Ich bin da schon weiter, hab mir gedacht, dass Franz Kafka vielleicht auch mal einen derartigen Käfer in seinem Bett fand, ihn hinausschnippste wie ich und anschließend träumte, dass er sich selbst in einen verwandelt hat … Schon wurde daraus Weltliteratur.

Frau Nettesheim
Also lassen Sie ab vom Käfer. Was man daraus machen konnte, ist schon geschrieben.

Trithemius
Das ist leichter gesagt als getan. Ich bin da quasi eingerostet und komme nicht los.

Frau Nettesheim
Sie übertreiben mal wieder. Erstens rostet Denken nicht ein und würde es, dann wäre die Korrosion durch eine leichte Erschütterung zu überwinden – wie früher bei einem stockenden Auto-Anlasser ein einziger Schlag mit dem Gummihammer reichte, um ihn wieder flott zu kriegen.

Trithemius
Jedenfalls bin ich froh, dass ein Ende meiner beschränkten Mobilität in Sicht ist und ich bald wieder mit anderen Eindrücken aufwarten kann, ohne an den fett glänzenden schwarzen Käfer zu denken, der in meinem Bett wohnte und auf den Leichenschmaus wartete. – Wo haben Sie den Gummihammer, Frau Nettesheim?