Professionelle Krankmacher

An einem frostigen Tag im Januar 2011, kurz nachdem ich nach Hannover gezogen war, lernte ich Frau Hantschi, meine Unternachbarin kennen. Die alte Frau klingelte bei mir und stand freundlich lächelnd vor meiner Wohnungstür, stand im Nachthemd im eiskalten Treppenhaus und wirkte verwirrt. Ich bat sie herein, setzte sie in meinen bequemsten Sessel und versuchte heraus zu bekommen, weshalb sie ihre Wohnung im Nachthemd verlassen hatte. Wie sich ergab, hatte sie keinen Schlüssel für die Wohnungstür, worüber sie sich aber nicht besorgte. Sie schwärmte von Olympia und dass sie im Fernsehen so gerne Skispringen anschaue. Über meinen Hausbesitzer erfuhr ich von einem Pflegedienst, der sie betreute. Dort rief ich an, und man versprach, jemanden mit dem Wohnungsschlüssel vorbeizuschicken.

Als ich Frau Hantschi Wochen später im Hausflur traf, wirkte sie gar nicht mehr verwirrt. Sie erzählte, sie sei im Januar für kurze Zeit in einem Pflegeheim gewesen, wo man ihr die falschen Medikamente verabreicht habe. Natürlich konnte ich das nicht prüfen, aber ihr geistiger Zustand hatte sich offenbar stabilisiert. Bei allen Begegnungen bis zu ihrem Tod wirkte sie geistig klar, so dass ihr Verdacht wegen der Medikamente sich zu bestätigen schien. Inzwischen haben eigene Erfahrungen mir gezeigt, dass ihr Fall vielleicht keine Seltenheit ist.

In den ersten vier Wochen nach dem Krankenhausaufenthalt bin ich einer Pflegeeinrichtung gewesen, die sich rückblickend als Horrorhaus darstellt. Dem zuständigen Arzt vertraute ich von der ersten Begegnung an nicht. Er behandelte mich von oben herab, als hätte er wie üblich einen Dementen vor sich. Es schien ihm nicht zu genügen, dass ich nur ein gebrochenes Bein hatte. Er ließ mich einen Tag auf Diabetes testen, obwohl meine Blutwerte vor dem Unfall in Ordnung gewesen waren, und ich fürchtete, er werde mich zusätzlich krank machen wollen. Demgemäß vertraute ich nicht der von ihm veranlassten Medikation. Es ist üblich, dass einem die Medikamente in kleinen Bechern gebracht werden, so dass man nicht prüfen kann, was man bekommt. Einmal fand ich bei den Schmerztabletten eine verdächtige kleine Pille. Ich zeigte sie der Stationsschwester und fragte, was das sei. Sie nahm die Pille mit und erklärte am nächsten Tag, das habe sie nicht feststellen können.

Inzwischen habe ich eine neue Einrichtung bezogen, wo ich mich gut aufgehoben fühle. Als die Stationsschwester den Medikamentenplan sah, den man mir mitgegeben hatte, fragte sie, weshalb mir denn als Bedarfsmedikation Haloperidol, ein Mittel gegen schwere Schizophrenie, verschrieben worden sei. „Bei Unruhe“ hatte der Arzt dem Pflegeheim erlaubt, mich damit ruhig zu stellen. Glücklicherweise ist der Fall nicht aufgetreten. Obwohl ich manchmal verzweifelt war, habe ich zu keiner Zeit randaliert. Ich bin froh, von denen mir angekündigten sechs bis acht Wochen Heilung, jetzt sechs Wochen glücklich überstanden zu haben und hege die begründete Hoffnung, bald wieder mit beiden Beinen im Leben zu stehen.

19 Kommentare zu “Professionelle Krankmacher

  1. Das ist ja Wahnsinn!…
    Nach meiner Hüft-OP war ich auch in solch einem Horrorhaus. Zehn Tage lang wurde an meiner OP-Narbe das wasserfeste Pflaster nicht gewechselt, bis sich darunter Eiter gebildet hatte, und die Wunde fürchterlich zu stinken begann. Ich musste zurück ins Krankenhaus transportiert und mehrere Tage lang mit starken Antibiotika behandelt werden. Und das war bei weitem nicht alles, was dort schief lief… Wenn ich daran denke, bekomme ich immer noch Gänsehaut und ein flaues Gefühl. Ich habe das damals angezeigt, aber nie eine Reaktion auf meine Beschwerde erhalten…
    Weiterhin gute Genesung!

    Gefällt 2 Personen

    • An „bequeme Nachlässigkeit“ glaube ich auch, eherals an Bosheit. Später habe ich Frau Hantschi mal mit dem Rollstuhl durchs Viertel gefahren, wozu der Pflegedienst offenbar keine Zeit hatte. Danke für den Optimalbesserungswunsch,
      Jules

      Gefällt mir

  2. Lieber Jules,
    Vor knapp zwei Jahren brach sich meine Mutter den Oberschenkelhals…
    Sie wurde direkt auf die Geriatrie verlegt. Dort war die erste Amtshandlung des Chefarztes, meine Mutter unter Antidepressiva zu setzen, damit sie „besser schläft“. Prophylaktisch!
    Was dann passierte, müsste publik gemacht werden, denn meine Mutter verwirrte immer mehr, wurde apathisch, teilnahmslos wie ein Geist…
    Ich lief Sturm, doch was wiegt mein Wort schon gegen das eines Weisskittels! Pfff!
    Drei Monate brauchte ich, in denen ich versuchte, meinen Eltern beizubiegen, dass sich trizyklische Antidepressiva nicht als Beruhigungsmittelersatz eignen…und dass der Oberarzt, Pardon, eher ein Oberarsch war, dem der Umgang mit willenlosen Zombies einfacher erscheint als sich mit Altersstarrsinn herumzuplagen….
    In den Nebenwirkungen des meiner Mutter verordneten Medikamentesfand ich alles, womit sie zu kämpfen hatte. Besonders bedenklich fand ich, dass dieses Medikament die Gefahr eines Schlaganfalls signifikant erhöht. Am Ende der drei Monate war sie nicht nur verwirrt und teilnahmslos, sondern sie berichtete mir eines Sonntags von heftigen Kopfschmerzen, Schmerzen im linken Arm und vor allen Dingen, was mich besonders stutzig machte, berichtete sie von Wortfindungsschwierigkeiten. Meine Mutter hatte bereits ein paar Schlaganfälle. Und da habe ich Ihr so lange Angst gemacht, bis sie endlich den Hausarzt angerufen hat, worum ich sie seit drei Monaten gebeten hatte, damit sie ihm erzählt, was dieses Medikament, dass ihr im Krankenhaus verschrieben worden war, mit ihr anrichtet. Dreimal darfst du raten was seine Antwort war: sofort die Pillen weg auf der Stelle absetzen….
    Er war entsetzt. Ich auch, denn das bedeutet, dass die Kommunikation zwischen Hausarzr und KH ebenfalls nicht stattfand.
    Inzwischen weiß ich mehr und auch dass es eine gängige Praxis ist, sowohl in Krankenhäusern in der Geriatrie als auch in Pflegeheimen, alte Menschen einfach ruhig zu stellen, indem man ihnen Bewusstseins verändernde Medikamente verschreibt, Psychopharmaka mit schwersten Nebenwirkungen – nur damit jemand „besser schläft“?
    Das ist vorsätzliche Körperverletzung in meinen Augen.
    Liebe Grüße
    Amélie

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Amélie,
      danke für deinen Erfahrungsbericht. Er bestätigt meine schlimmsten Vermutungen, dass gerade mit Psychopharmaka routinemäßig Schindluder getrieben wird. Bei allen Segnungen, die unsere Pharmaindustrie bereithält, muss man immer skeptisch sein.Wie selbstverständlich manche Ärzte in das Selbstbestimmungsrecht alter und kranker Menschen eingreifen, ist erschütternd. Glücklich, wer da aufmerksame Verwandte hat.
      Lieben Gruß
      Jules

      Gefällt 1 Person

  3. P.S. Meine Mutter hatte danach noch drei weitere Operationen. Dieses Mal stellte ich sie vorher strategisch gegen die Weisskittel auf und paukte ihr ein, dass sie einfach immer wieder stur Nein sagen soll, Wenn irgend jemand meint, ohne Rücksprache mit ihrem Hausarzt ihre Medikation verändern zu können. Der Oberarzt hat es wieder versucht…Doch sie weigerte sich hartnäckig auf die Geriatrie zu gehen und blieb in der Chirurgie. Sie hat mir hinterher gesagt, dass sie oft und sehr laut immer wieder Nein! sagen musste, bis ihr Wunsch, KEIN Antidepressivum zu bekommen und NICHT auf die Geriatrie zu wollen gehört worden ist…

    Gefällt 2 Personen

  4. Das Thema scheint grosse Resonanz zu haben. Auch aus meiner eigenen Erfahrung lohnt es sich, grundsätzlich kritischer mit der Behandlung umzugehen und sie nicht einfach hinzunehmen. Das Krankenhaus ist ein Dienstleister, ebenso wie ÄrztInnen und das Krankenhauspersonal. Hier falsche Scheu an den Tag zu legen, indem man eine Dienstleistung nicht hinterfragt, ist manchmal riskant. Man muss ja nicht herumnörgeln, kann aber sehr wohl Augenhöhe einfordern und medizinisches Handeln hinterfragen. Es gibt eben KEINE Göttinnen und Götter in Weiss.

    Gefällt 2 Personen

    • Du hast Recht. Wer nicht geübt darin ist, mit Ärzten auf Augenhöhe zu kommunizieren, kann da leicht untergehen. Es ist gewiss auch eine Sache des Bildungsstands. In der Generation unserer Eltern ist die blinde Folgsamkeit gegenüber den Halbgöttern in Weiß noch stark verbreitet. Deren positives Bild wurde in der populären Schwarzwaldklinik verbreitet, aber selten ist ein Arzt wie Dr. Brinkmann und Sohn.

      Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.