Pützfeld

Auf dem Radweg zwischen dem Aachener Wald und dem Grenzort Lichtenbusch fuhr ich zu einem vor mir fahrenden Radsportler auf und grüßte freundlich. Der blickte hoch und erhöhte sein Tempo, um neben mir zu bleiben. Dabei musterte er ausgiebig meine Rennmaschine und äußerte sich fachmännisch zur Übersetzung, die ich fuhr. Plötzlich sagte er: „Ja, kennst du mich denn nicht?“ „Leider nein.“
„Ich bin doch der älteste Radsportler der Welt.“ Tatsächlich hatte ich mich gewundert, als ich sein wettergegerbtes Gesicht gesehen hatte. Das passte nicht zu seinen wohlgeformten Beinen, die einem jungen Mann zu gehören schienen.

Später erzählte ich einer befreundeten Kollegin von der Begegnung. Sie war Mitglied [wie gendert man das?] in einem Aachener Radsportverein und kannte den Mann. „Das war Christian Pützfeld. Der ist 86 und fährt noch Seniorenrennen.“ Es gibt einen Grimmepreis gekrönten Dokumentarfilm über ihn und das ungebrochene Konkurrenzdenken unter steinalten Radsportlern: „Alte Kameraden“ von Bernd Mosblech.

Über Pützfeld erzählte man folgende Geschichte: Nach einem Unfall hatte er mit Beinbrüchen im Krankenhaus gelegen. Raue Radsportler, Konkurrenten wohl, hatten ihn besucht und grob getönt: „Pützfeld, jetzt ist es aus. Jetzt kommst du nicht mehr auf die Beine.“ Doch Christian Pützfeld hatte noch im Krankenbett angefangen, mit Hanteln zu trainieren, war sehr wohl wieder auf die Beine gekommen und sogar erneut Radrennen gefahren. Wenn ich im äußeren Trakt unseres Gymnasiums unterrichtete, sah ich ihn manchmal auf der kurzen Flachstrecke oberhalb des Gebäudes beim Intervalltraining.

An Christian Pützfeld musste ich in letzter Zeit oft denken. In den ersten Wochen nach meinem Unfall, als die Zeit der Hilfsbedürftigkeit nicht vergehen wollte und ich in einsamen Abendstunden nah daran war, den Putz von den Wänden zu kratzen, habe ich mir an ihm ein Beispiel genommen und mit vollen Wasserflaschen als Hantelersatz trainiert.

Heute sind sechs Wochen seit dem Unfall vergangen. Ich bin aus der ersten Pflegeeinrichtung in eine andere umgezogen, wo ich mich wohler fühle und auch nicht mehr fürchten muss, dass gewissenlose Ärzte aus mir einen echten Pflegefall machen. Die Zeit, die zu stehen schien in den schlimmen ersten vier Wochen in der „Kurzzeit“pflege, ist also doch vergangen. Ob Christian Pützfeld noch lebt, konnte ich nicht herausfinden. Er müsste jetzt weit über 100 sein. Unsere gemeinsame Heimat ist gerade im Dauerregen versunken. Furchtbare Bilder erreichten mich, und ich sah Straßen und Ortschaften, auf denen ich trainiert habe, die derzeit unpassierbar sind. Das Wasser hat in der Nordeifel, im grenznahen Ostbelgien und Aachens Umland nicht ganz so verheerend gewütet wie in den Dörfern an der Ahr, aber aufgerissene Straßen, Hausfronten, unterspülte Häuser und Bewohner, die sich um ihre Existenzgrundlage gebracht sehen, gibt es auch dort. Mir ist zum Heulen.

Vor allem stört mich erneut die Sprachmode von Medienleuten und Politikern, die jetzt wieder von den „Menschen“ reden, denen geholfen werden muss, weil die jetzt schlimme Verluste erleiden, sogar zu Tode gekommen sind. Das distanzierende Die-Menschen-Gerede klingt, als würden sie selbst einer anderen Gattung angehören, die von oben herabschaut auf die ach so verletzlichen „Menschen“, wie sie jetzt zittern und beben müssen vor den Naturgewalten und in ihren Kellern ersaufen gleich den Würmern in ihren Gängen. In dieser Sprachmode der geheuchelten Anteilnahme zeigt sich ungeschminkt, dass sich Medien und Politik längst aus der Mitmenschlichkeit entfernt haben.

13 Kommentare zu “Pützfeld

    • Bei den Dörfern wäre „Einwohner“ angemessen, „Anwohner“, „Bürger“ ginge auch. Für Gruppen: „Leute“, „Personen“, es heißt ja auch amtlich „Personenschaden“ und nicht Menschenschaden. Gelegentlich passt „Mitmenschen“, was mich stört ist die penetrante Verwendung von „Menschen.“ Dass in den eingestürzten Häusern Menschen und nicht Tiere gelebt haben, wissen wir ja.

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