Mein Leben als Cyborg

Heute vor fünf Wochen wurde ich am Beinbruch operiert. Morgens wurde ich auf den OP-Tisch geschoben, dann wieder zurück ins Bett und aufs Zimmer, weil das einzige OP-Team vom Sonntag einen Notfall behandeln musste. Ich wartete auf meine OP bis 17 Uhr. Früher hat man Beinbrüche gerichtet und mit Gips stabilisiert. Man kennt das Bild eines gewaltigen Gipsbeins noch aus Hitchcocks „Fenster zum Hof.“ Der arme Patient hatte extra einen Kratzer gegen das Jucken am Bein. Wurde der Gips nach sechs Wochen entfernt, war das Bein nur noch Haut und Knochen.

Heute löst die Medizin das eleganter. Den Gips habe ich quasi im Bein, nämlich einen 30 Zentimeter langen, mit zwei Schrauben stabilisierten Nagel. Der Chirurg sagte, er habe es so gut gemacht wie für den eigenen Vater. Inzwischen sind die drei kleinen Wunden der minimalinvasiven OP verheilt, ich bin fast schmerzfrei, darf aber das rechte Bein nur bis 20 Kilogramm belasten. Wenn alles gut geht, werde ich Anfang August in Aachen die Reha antreten. In schmerzvollen Tagen nach der Operation, als ich zur Untätigkeit verurteilt war und die vom Arzt prognostizierten sechs bis acht Wochen sich wie ein gewaltiger Berg vor mir erhoben und mich zu erdrücken drohten, stahl sich ein Hoffnungsschimmer zu mir durch und hielt mich aufrecht, nämlich am Ende der Leidenszeit drei Wochen in meiner alten Heimat verbringen zu dürfen.

Übrigens bin ich jetzt ein Cyborg, also ein Mensch mit dauerhaft künstlichen Bauteilen im Körper. Ich besitze einen Implantats-Ausweis, in dem sieben Bauteile aufgeführt sind, hergestellt im Schleswig-Holsteinischen Schönkirchen. Die Bescheinigung muss ich mitführen, falls ich einmal in einer Sicherheitsschleuse unangenehm auffalle. Ob mein Bein auch magnetisch ist, weiß ich nicht. Aber es schadet ja nichts, anziehend zu sein.

24 Kommentare zu “Mein Leben als Cyborg

  1. Lieber Jules,
    Seit dem Oberschenkelhalsbruch macht meine Mutter sich Gedanken über ihre fachgerechte Entsorgung. Sie meint, sie müsse, vernagelt und verschraubt wie sie jetzt sei, teilweise verschrottet werden und sie sei mindestens Sondermüll, da nicht mehr vollständig recyclebar. Meinen gebrochenen Tibiakopf wollten sie auch gleich operieren. Doch mein behandelnder Doc meinte, der Bruch sei stabil und Orthese sei besser. Es dauerte ein halbes Jahr bis ich den Flunk wieder voll belasten konnte. Gut war, dass ich mit Orthese Vorsichtige Gymnastik praktizieren konnte, so meine Muskeln ganz gut erhalten blieben. Danach folgten Monate des Muskelwiederaufbaus und bis die Beinachse mittels Radeln wieder gerade ausgerichtet war, schoben sich weitere lange Monate ins Land. Brüche brauchen vor allem viel Geduld und Disziplin. Ich wünsche Dir vollständige Regeneration.
    Liebe Grüße
    Amélie 🍃

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    • Liebe Amélie,

      was ich jetzt alles lerne: Tibiakopf, Orthese waren mir vor deinem Komentar kein Begriff. Von deiner langen Leidenszeit habe ich schon mal bedauernd gelesen. „Weitere lange Monate“ klingt jetzt wie eine schreckliche Drohung. Übrigens habe ich im Kölner Karneval einen kennen gelernt, der Mitglied in einem Begräbnisverein war. Der Verein hatte erst kürzlich ein Krematorium besichtigt. Er erzählte, dass in mancher Asche künstliche Bauteile herumlägen, die aussortiert werden könnten.
      Liebe Grüße
      Jules

      Gefällt 3 Personen

      • Lieber Jules, es hat seine Zeit gedauert, die Vollbeweglichkeit meines zurück zu erkämpfen und ein gebrochener Schienbeinkopf ist der Horror jedes Sportlers, oft sind es Brüche mit Folgen. Ich hatte sehr viel Glück, dass alles so prima geheilt ist und jedes Training brachte mich weiter, kleine Beweglichkeitsziele, die ich mir setzte, halfen, meine Motivation oben zu halten. Das schaffst Du auch und jeder Körper hat sein Heiltempo. Nur Ungeduld wird bestraft.
        Meine Mutter zeigte mir ihr erst ein, dann ausgebautes und schließlich vollständig ersetztes Ersatzgelenk: Kugel und Knochen. Das Material sieht aus wie Stahl, unglaublich, dass der Körper es einwächst wie etwas Eigenes.
        Und einen Freund, der als Bestattergehilfe arbeitete, hatte ich auch. Seine Geschichten waren faszinierend und ich war natürlich, wie Du Dir denken kannst, seine treueste Zuhörerin. Und der konnte Sachen erzählen…berührende, zu Herzen gehende Geschichten, auch manchmal auf morbide Weise lustige Erzählungen.
        Früher waren weniger künstliche Teile im Menschen. Dank des Mikroplastiks in unseren Mägen, landen wir am Ende noch im gelben Sack und bestehen aus Verbundstoffen.
        Hab einen schönen Sonntag, wünscht
        Amélie

        Gefällt 3 Personen

  2. Ich find, das Ganze klingt ziemlich gut. Wobei man ja nicht weiß, was für eine Beziehung er zu seinem Vater hat 😬
    Hoffen wir mal, sie ist gut 😊
    Also ich hab seit über 2Jahren zwei Schrauben in meinem Tibia-Kopf. Und die bleiben wohl drin, stören ja nich – aber so einen Ausweis hab ich nicht 🤔
    Hauptsache es ist alles funktionsfähig 😊 und genau das wünsch ich dir auch.
    Liebe Grüße
    Sabine

    Gefällt 2 Personen

    • Der Chrirurg ließ keinen Zweifel aufkommen, dass er es positiv gemeint hatte. Als nach drei Wochen ein Hausarzt die Wundklammern entfernte, wunderte er sich, dass es nicht mal bluten würde. Es gibt sicher einen Ausweis für die zwei Schrauben im Tibia-Kopf. Ich würde mal in der Klinik nachfragen. Schön zu hören, dass bei dir alles gut verheilt ist. Danke für entsprechende Wünsche und lieben Gruß
      Jules

      Gefällt 2 Personen

    • Gute Frage. Ich glaube, Cyborgs kommunizieren ganz normal, wie ich an den Kommentaren anderer Cyborgs ablese, Jiddisch „hatslokhe un brokhe“ [Glück und Segen], bei uns zu „Hals und Beinbruch verballhornt, passt vielleicht. 😉 Jedenfalls danke.

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