Ein Schlüsselmoment

Der Morgen graute. Ich lag noch da und lauschte auf die frühen Geräusche im Haus. Helle Stimmen zweier Frauen, das Scheppern eines Tabletts. Draußen wieherte ein Pferd. Derweil ich darüber nachdachte, wie kurios dieser Laut ist und wie es wohl sein mag, wenn ein anderes Pferd das Wiehern eines Artgenossen hört, welche Bedeutungen, Nebenbedeutungen und Zwischentöne es wahrnimmt oder ob es im Wiehern nichts erkennt als die Welt seiner Pferdenatur. Derweil also wurde am Himmel eine Tür geschlossen. Sie fiel satt ins Schloss, löste in der Morgenluft eine Erschütterung und eine Druckwelle aus, was auf Größe und Schwere schließen ließ.

Kennst du das beklemmende Gefühl, wenn du deine Wohnungstür von außen ins Schloss ziehst und dir im Einschnappen des Schlosses klar wird, dass du ohne Schlüssel aus der Wohnung getreten bist und dich ausgesperrt hast? Vermutlich nicht. Vermutlich bist du zu vorsorglich, hast einen Ersatzschlüssel beim Nachbarn deponiert oder draußen unterm Stein verborgen. Ich dagegen kenne das Gefühl genau, kenne das Bedauern und den Wunsch, das Zuziehen rückgängig zu machen, und gleichzeitig zu wissen, dass es im Leben Ereignisse gibt, die dich von jetzt auf gleich in eine Notlage bringen. Wir haben im Deutschen das treffende Wort „Schlüsselmoment“, was natürlich nicht nur die fälschlich zugezogene Haustür und den fehlenden Schlüssel meint.

Der Schlüsselmoment ändert unseren Lebensweg drastisch. Als ich nach einer schönen Feier in geselliger Runde eine Treppe hinabstieg, um beim Abräumen des Tisches zu helfen, war ich in Gedanken schon unten, übersah die letzte Stufe und erlebte im Sturz den Schlüsselmoment, der mir einen Weg in Schmerz und wochenlange Hilfsbedürftigkeit erschloss. In diesem Fall betraf es auch alle in meinem Umfeld. Es war ein soziales Ereignis. Ich plumpste in deren Leben wie ein Stein ins Wasser. Wie die kreisförmig nach außen strebenden und langsam verebbenden Wellen wurden, die mir am nächsten sind, am stärksten in den Schlüsselmoment einbezogen.

So muss auch die zufallende Tür am Himmel ein soziales Ereignis gewesen sein, wenngleich ich nur meine beschränkte Perspektive habe. Es blieb im Haus merkwürdig still, als würde man innerlich nach imaginären Schlüsseln kramen, als am Himmel schon die nächste Tür mit sattem Laut und Erschütterung zufiel. Das ging den ganzen Tag so, ein Zufallen gewaltiger Türen, von denen kein Schemen zu sehen war. Ich kann nur schildern, was ich fühlte, denn ringsum verstummte man. Jede, jeder gab sich den Empfindungen hin. Sie waren so niederdrückend, dass nicht nur die Journaille in Schweigen verfiel, sondern das Netz der Asozialen Medien in Lähmung erschlaffte. Kunde kam von denen weit draußen, die in ihrer Einsamkeit verzweifelt riefen. Es ist erstaunlich, an welch entlegenen Orten sich Menschen aufhalten. Kein Fleckchen Erde, von dem nicht zufallende Himmelstüren gemeldet wurden.

Als Kind hatte ich einen wiederkehrenden Alptraum. Da waren Zahlen, die von mir wegstrebten und im Wegstreben immer größer wurden. Ich hingegen fühlte mich klein und hilflos, schien zu schrumpfen, je größer die Zahlen wurden. Jede zufallende Tür erschütterte mein Gemüt bis ins Mark und ich wand mich unter der Verlorenheit des kindlichen Alptraums. Warum geschieht uns Menschen dies? Wo haben wir es an Vorsorge fehlen lassen? Warum werden wir ausgesperrt?