Trithemius unchained

Im Hof meines Zuhauses in Linden-Mitte hängt an einem Geländer einsam ein schweres Fahrradschloss, nicht so ein dünnes Kabel, auf das ein Fahrraddieb nur spucken würde, sondern eine schwere ummantelte Kette mit einem mächtigen Verschluss. Kette und Schloss könnten einen Elefanten tragen, aber das habe ich natürlich nicht ausprobiert.
Das Schloss ist ein stummes Zeugnis der Unwägbarkeit des Lebens, denn als ich vor fünf Wochen etwa mit dem Fahrrad aufbrach, dachte ich nicht daran, dass ich so bald nicht wiederkommen würde. Das Schloss ließ ich zurück, weil ich mein Fahrrad am Zielort sicher unterstellen konnte.

Obwohl das Schloss ein Geschenk gewesen ist, habe ich es nie gemocht. Manchmal dachte ich beim Radfahren, ich hätte ein dickes Kind auf dem Gepäckständer oder einen Kasten Bier. Aber da hing nur mein Fahrradschloss. Und die Leute erst, die haben, wenn ich vorbeifuhr, bestimmt gedacht, da kommt wieder der Mann auf dem Fahrrad, das wie ein mächtiges Fahrradschloss aussieht. Da hatte ich oft den Impuls zu sagen: „He, Leute, was ihr seht, das ist nicht mein Fahrrad, sondern nur das Fahrradschloss.“

Auch bevor ich durch Sturz und Beinbruch stillgelegt wurde, habe ich dieses übermächtige Fahrradschloss nicht immer mitgenommen. Ich habe es es schon früher einfach im Hof angeschlossen, vielmehr den Hof an mein Schloss. Seither ist der Hof noch nie gestohlen worden, denn selbst ausgemachte Haus- und Hofdiebe würden vor dem Anblick meines Fahrradschlosses erblassen.

Einst war ich ohne das monströse Teil unterwegs. Als ich an einem Supermarkt auf der belebten Limmer Straße vorbeikam, hatte ich spontan den Wunsch einzukaufen. Vor dem Eingang stand ein Berber und hielt der ein- und ausströmenden Kundschaft einen Plastikbecher hin. Ich stellte mein Fahrrad neben ihn und sagte: „Hallo, könnten Sie mal eine Weile auf mein Fahrrad aufpassen?“ Dabei legte ich ihm einen Euro in den Becher. „Aber ja“, sagte er. „Ich stelle mich direkt daneben!“ und stellte sich direkt daneben.

Nach dem Einkauf kaufte ich beim Vorkassenbäcker noch zwei Stück Kuchen in getrennten Tüten. Draußen stand der Berber schützend vor meinem Fahrrad. Er hatte es parallel zum Schaufenster geparkt und sagte: „Ich habe Ihr Rad zur Seite gestellt. Ein Platz wurde frei, da habe ich es dahin gestellt.“
Ich dankte ihm, hielt die Tüten hoch und sagte: „Kirschstreusel oder Walnussplunder?“
„Ach, nein, danke“, sagte er. „Ich habe ja keine Zähne mehr und hab es nicht so mit Kuchen.“ Da gab ich ihm noch mal Geld, versäumte aber zu fragen, was er denn überhaupt noch essen kann. Vermutlich nur Suppe. Jedenfalls dachte ich, es ist gar nicht so einfach, jemandem eine Freude zu machen, wenn man nicht mal weiß, dass er keine Zähne mehr hat. Also, wenn Hilfe zu weit oben ansetzt und den anderen zu sehr festlegt, dann ist’s keine Hilfe. Er hat mir meine Ungeschicklichkeit aber nicht verübelt, sondern rief mir noch „Gehabt euch wohl!“ hinterher.

Zu Hause schloss ich den Hof an meinem Rad fest und war ziemlich froh, dass ich mal wieder ohne Schloss unterwegs gewesen war. Ich habe derzeit noch vier Wochen Kurzzeitpflege und etwa drei Wochen Reha vor mir. Also werde ich frühestens in etwa zwei Monaten nach dem Schloss sehen können. Es wird da hängen, mir einen Gruß zuklimpern, aber mir ganz fremd geworden sein. Vielleicht bekenne ich mich nicht mehr zu ihm und lasse es einfach dort, denn ich will mir sowieso ein bequemeres Fahrrad kaufen.