Radeln rund um den Drehturm

Mein Sohn berichtete mir von einem Experiment. Die Probanden sollten mit dem Zeigefinger eine komplizierte Bewegung vollziehen, die Kontrollgruppe sollte sich den Bewegungsablauf nur vorstellen. Am Schluss des Experimentes hatten beide Gruppen Muskeln aufgebaut. Jetzt weiß ich natürlich nicht, ob es sinnvoll ist, einen muskulösen Zeigefinger zu haben, es sei denn, man wollte sich im Freiklettern üben und mit einem Finger an einem Felsvorsprung hängen. Manchmal wird ja auch der pädagogische Zeigefinger gebraucht. Es geht aber um den Transfer.

Da ich derzeit ein Bein nicht voll belasten darf, aber nicht so viel Muskelmasse verlieren will, versuchte ich, mir Radfahren vorzustellen, was aber schwer geht, wenn es zu abstrakt bleibt. Zur Konkretisierung dient der folgende Text vom Radfahren über den Lousberg in meiner alten Heimat Aachen. Ihn zu lesen, kann ich jeder/jedem empfehlen. Leichter ist ein Muskeltraining nie gewesen. Es reicht, sich das Kurbeln der Pedale vorzustellen, wobei uns natürlich am Runden Tritt gelegen ist, dem Geheimnis des effektiven Radfahrens.

Rund um den Drehturm

Wir fahren mit dem Rad zum Aachener Lousberg und drehen dort oben eine Runde. Den direkten Weg zum Lousberg zu nehmen, schließen wir aus. Die Anfahrt wäre zu kurz und zu steil, so dass wir uns quälen müssten, weil die Muskeln noch nicht warm sind.

Wir überqueren die Roermonder Straße und biegen in die Rütscher Straße ein. Sie führt an der südwestlichen Flanke des Lousbergs vorbei. Zur Rechten verwehrt eine hohe Häuserzeile den Blick auf unser Ziel. Und wollte ich einen dazu passenden Satz schreiben, so müssten die Wörter mal in der erhabenen Sprache des 19. Jahrhunderts daherkommen, mal im kargen Stil rasch emporgezogener Nachkriegsbauten. Doch im 21. Jahrhundert die Sprache vergangener Jahrhunderte zu verwenden, da käme ich mir vor wie einer der vielen postmodernen Architekten, die es vorziehen, in Barock- oder Jugendstilvillen zu wohnen, weil sie mit den Ergebnissen ihrer eigenen Kunst nichts zu tun haben wollen.

In der schmalen Parkanlage zur Linken toben Hunde sich aus, derweil ihre Besitzer herumstehen oder auf Bänken hocken. Der Besitz eines Hundes hat den Vorteil, dass man gezwungen ist, nach draußen zu gehen, was eine Form der mentalen Faulheit ist, denn es ist viel anstrengender, sich selbst aufzuraffen, als sich von einem Hund zwingen zu lassen, weshalb man eigentlich nie so recht entscheiden kann, wer eigentlich jetzt wen an der Leine hat. Uff, das war jetzt ein langer Satz und nur zu entschuldigen, weil die Häuserzeile entlang der Rütscher Straße auch nicht kürzer ist. Die Straße steigt zudem ein wenig an, bevor sie am Westzipfel des Lousbergs ins Tal der Soers hinabtaucht. Für einen Moment bin ich versucht, ihr zu folgen und die Abfahrt zu genießen. Da heißt es, sich selbst an die Leine zu nehmen und zu bedenken, dass eine fröhliche Abfahrt irgendwann mit einem Anstieg bezahlt werden will.

Es ist klüger, den Anstieg an den Anfang einer Fahrt zu legen, wenn man noch gut bei Kräften ist. Auch wollen wir die bereits gewonnene Höhe nicht verplempern und nehmen deshalb die Kehre in die Nizzaallee. Die Nizzaallee ist breit und prächtig. Wer hier eine Stadtvilla besitzt, hat gut lachen und kann mit der Wurst nach der Speckseite werfen. Einige der Prachtbauten sind im Besitz von Studentenverbindungen, gestiftet von vermögenden Alten Herren. Der Nachwuchs soll in einem angemessenen Umfeld aufwachsen und erst gar nicht auf die Idee kommen, sich zu bescheiden. Das ist, als hätten wir beim Radfahren einen Hilfsmotor und könnten vergessen, dass die Nizzaallee ordentlich ansteigt. Das allerdings gelingt manchmal auch, wenn man beim Radfahren so recht in Gedanken versinkt. Es fährt sich dann wie von selbst, und das ohne die Motivation durch Alte Herren.

Von der Nizzallee aus führen Fußwege auf den Lousberg, manche haben Treppen, manche winden sich in engen Schleifen – zu steil für ein Rad ohne Hilfsmotörchen. Vor uns eine Ypsilonabzweigung. Wir nehmen den linken Ast des Ypsilons, was man metaphorisch betrachtet nicht tun sollte, denn der linke Weg ist zwar breit und bequem, führt jedoch ins Verderben. Konkret ist’s hier grad umgekehrt – die Nizzallee biegt nach rechts und taucht ab, die Theresienstraße führt uns weiter den Lousberg hinauf. Sie ist kurz, und an ihrem Ende biegen wir nach links in die Kupferstraße. Jetzt ist es besser, aus dem Sattel zu gehen und das steile Stück auf den Pass zwischen Salvatorberg und Lousberg im Wiegetritt zu fahren. Die Bebauung endet schon vor der Passhöhe, und weil wir weiter zur Buchenallee fahren, lassen wir auch den Autoverkehr hinter uns. Im Sommer hat man die Buchenallee neu asphaltiert. Jetzt kleben bunte Blätter am Grund, und Bucheckern brizzeln unter den Fahrradreifen.

Vor vielen Sommern habe ich hier gesessen und in einem Buch gelesen, das die Interpunktion des Heinrich von Kleist behandelte. Dabei hatte ich den begründeten Verdacht, dass mich in meinem ganzen Leben niemand außer meinem Professor fragen würde, ob Kleist beim Setzen der Kommata eigene Regeln befolgte, oder ob er sie mutwillig mit dem Pfefferstreuer über seine Texte verteilt hat. Allerdings sitzt man im Sommer an der Buchenallee gut, denn sie führt an der nordöstlichen Flanke des Lousbergs vorbei. Man hat einen hübschen Blick über das besonnte Tal der Soers, und die ausladenden Buchen bieten Schatten und Kühle. Ein Buchenstamm fühlt sich übrigens immer kühl an, die Eiche dagegen ist stets warm, der borkigen Rinde wegen. Ich würde weiter oben gern eine der hohen Buchen anfassen, doch ich traue mich nicht, weil so viele Spaziergänger den Berg hinauf streben.

Wo die Buchenallee eine spitze Kehre macht, liegt voraus ein halbrunder Aussichtsplatz. Von da genießen einige Paare den schönen Blick über den westlichen Teil der Stadt und auf die Niederlande am Horizont. Eine kleine rundliche Frau und ein hagerer großer Mann ignorieren die Aussicht, sondern stehen sich im kurzen Abstand gegenüber. Sie hat die Hände auf dem Rücken. Die beiden singen sich an, es tönt wie ein dänisches Volkslied. Dass man sie verwundert betrachtet, kümmert sie offenbar nicht, denn sie sind ganz bei sich und in ihrer gesanglichen Zweisamkeit. Eine ganze Weile noch habe ich ihr Lied im Ohr und denke, dass ihr einhelliges Duett mir wie sanfte Sexualität des Alters vorkam.

Gleich haben wir das Plateau erreicht, und dann rollen wir in einer großen ovalen Schleife einmal um den Drehturm, aus dem die Stadt einst mit Wasser versorgt wurde. Inzwischen ist er mehrmals umgebaut worden, hat ein Café am Fuß und eines hoch oben, das sich langsame um seine Achse dreht.

Die Umrundung bietet Zeit zu verschnaufen, denn hier ist der Weg flach. Gleich auf der Gegenseite jedoch beginnt eine schöne Abfahrt, zuerst sanft, doch dann geht es in Windungen ordentlich bergab. Neben uns auf dem Gehweg schnauft ein Läufer in kurzen Hosen. Er will mithalten und legt einen Sprint ein. Gerade ist er gleichauf, da ruft er „Ist der schnell, und ohne was zu tun!“

Das jedoch, mein Lieber, ist ein Irrtum. Auch wenn wir dich mühelos hinter uns lassen, so haben wir eine Menge dafür tun müssen. Zuerst haben wir bedacht, dass ein Fahrrad die ökonomisch klügste Weise der menschlichen Fortbewegung bietet. Dann sind wir einen Anstieg hinaufgefahren, in Abwägung zwischen Wegstrecke und Steigung. So hatten wir nicht einmal dabei einen so roten Kopf wie du, von deinem triefenden Schweiß ganz abzusehen. Die größte Mühe jedoch haben uns die Gedanken gemacht, denn das Gehirn ist ein Energieverschwender. Und obwohl wir jetzt eine hübsche Abfahrt machen dürfen, müssen wir weiter nachdenken, und zwar über das erlebende, beobachtende und steuernde Ich. Warum du dir die Zunge aus dem Hals zu laufen beliebst und warum ich der seltsamen Tätigkeit nachgehe, mit dem Rad zu fahren und gleichzeitig zu schreiben, das wissen wir beide nicht. Wir haben es mit den Auswirkungen unwägbarer gedanklicher Prozesse zu tun. Diesen Teil unseres Wesens wollen wir versuchsweise das „erlebende Ich“ nennen. „Das erlebende Ich! Bleib bitte nicht soweit zurück, sonst muss ich so laut rufen!“
Im erlebenden Ich sind wir den Pflanzen gleich und folgen allein unserer Natur. Unsere Natur können wir betrachten. Das beobachtende Ich gleicht mehr dem Tier. Es nimmt wahr und reagiert. „Was das steuernde Ich ist?!“

Ehrlich gesagt, habe ich keine Lust zu bremsen. Es geht jetzt so rasch, da möchte man doch die Geschwindigkeit genießen, die Belohnung für die Aufstiegsmühen. Soll er sich doch selber ausdenken, was es mit dem steuernden Ich auf sich hat. Unten bei der engen Kurve am Kerstenschen Pavillon müssen wir abbremsen, rollen nach links wieder auf die Kupferstraße und starten die nächste Umrundung, die schöne Buchenallee entlang und weiter hinauf …

Im Bild: Kerstenscher Pavillon – Foto: JvdL

11 Kommentare zu “Radeln rund um den Drehturm

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