Häuser machen Leute

Ende der 1980-er Jahre hat man bei uns begonnen, klebrige Architektur zu bauen, als hätten die Architekten ihre Pläne und Modelle vor Baubeginn noch rasch mit Honig übergossen, um ihnen den letzten Schliff zu geben, wobei ich natürlich auch weiß, dass Honig nicht schleift. „Letzter Schliff“ ist hier metaphorisch zu verstehen, obwohl es erfreulich gewesen wäre, hätten sie einen Schleifklotz mit grobem Sandpapier genommen und all die nutzlosen, eklektizistischen Elemente, mit denen sie ihre geistlosen Entwürfe aufgehübscht haben, gnadenlos abgeschmirgelt.

In einem derart klebrigen Gebäudekomplex halte ich mich gezwungener Weise auf. Er sieht auf den ersten Blick ganz hübsch aus, offenbart aber das Klebrige auf den zweiten. Im Aufenthaltsraum stehen acht riesige weinrote Plüschsessel, die niemand will, denn sie sehen nicht nur bescheuert aus, sind zudem unbequem und „lassen sich nicht abwaschen“, wie eine Pflegerin sagte, stellen also zudem ein Hygieneproblem dar. Falschgoldene Wandleuchten auf apricot Wandfarbe, Möbel in Nussbaumoptik. Das gesamte Interieur ist mit per Container aus Dubai angeliefert worden, denn „wenn sie tief genug graben nach den Besitzern der Firmengruppe, die dieses und andere Pflegeheime besitzt, landen Sie in Dubai“, sagt eine der wenigen deutschsprachigen Angestellten.
Nicht nur „Kleider machen Leute“ wie in Gottfried Kellers Novelle geschildert, sondern auch „Häuser machen Leute.“ Sie haben etwas Falsches, als stünden sie im schiefen Winkel zum Leben. Es kostet Kraft, dem zu widerstehen. Gestern beispielsweise tritt einer in der blauen Regenjacke an mein Lager und sagt: „Ich muss Ihnen eben Blut abnehmen.“

Ich denke, da könnte ja jeder kommen, und frage: „Und wer sind Sie?“
„Ich bin Doktor Sowieso. Dr. Wolf ist gestern bei Ihnen zur Visite gewesen und hat gesagt, dass ich Ihnen Blut abnehmen soll.“

Aha, er ist also der dritte Arzt aus der Gemeinschaftspraxis, die in dieser Einrichtung ein und aus geht. Aber gestern Visite? „Dr. Wolf ist gestern keineswegs bei mir gewesen. Warum sollen Sie mir Blut abnehmen?“

„Gute Frage, das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich weiß gar nicht, was Sie haben, kenne auch Ihre Akte nicht.“

„Das ist aber keine ärztliche Sorgfalt.“

„Ich gucke mir Ihre Akte gleich nochmal an“, versprach er und band meinen Arm ab, zwecks Blutabnahme. Man hat in der Einrichtung viel mit Dementen zu tun, entsprechend die Nonchalance gegenüber den „Bewohnern“ genannten Patienten. Denen kann man viel erzählen, braucht sich für nichts zu rechtfertigen.

Dr. Wolf findet bedenklich, dass ich Zucker in den Kaffee gebe und lässt mich einen Tag per Fingerpiekser auf Diabetes testen, aber man verteilt hier Orangenlimonade und nachmittags Kuchen oder Stutenschnitte mit Marmelade, heute sogar zum Frühstück. So schafft man ein Problem, das der Arzt dann mit Behandlung löst.

Die Blutuntersuchung hat vermutlich einen erhöhten Cholesterin-Wert ergeben, kein Wunder, wenn man mir hier ständig Butter als Streichfett serviert. Gestern nun hatte ich bei meinen Tabletten eine kleine mir unbekannte Pille. Ich nahm sie nicht, sondern zeigte sie der Stationsschwester und fragte, was das wäre. Sie tat erstaunt, meinte, sie müsse nachsehen und nahm sie mit. Heute behauptete sie, sie wisse nicht, welche Tablette das sei. Ich sagte: „Egal was. Man kann nicht hinter meinem Rücken den Medikamentenplan ändern. Ich bin noch nicht entmündigt, habe lediglich ein gebrochenes Bein.“

In der Nacht wieder Alptraum. Ich habe kalte Füße, weil das Laken nach oben gerutscht ist. Am Fußende hat sich eine Frau aus Celle niedergelassen und achtet darauf, dass die Füße draußen bleiben. Man wird sagen, das alles habe nichts mit der Architektur zu tun. Da entgegne ich: Einheit von Form und Inhalt.